
attac-Ratschlag
in Göttingen (Januar 2003)
grußwort
der dgb-jugend göttingen an den attac-ratschlag - 17.01.03 - igs geismar
liebe freundinnen und freunde, liebe kolleginnen und kollegen,
mein name ist peter wolf und ich möchte euch im auftrag und namen der
dgb-jugend göttingen herzlich begrüssen, sowie euch für die nächste
tage ein paar worte zum geleit mitgeben.
vielleicht kurz vorweg, weil manche von euch mit "dgb-jugend" eventuell
nichts anfangen können: die dgb-jugend ist sowohl der jugendverband des
deutschen gewerkschaftsbundes (dgb), als auch ein eigenständiger jugendverband.
diese eigenständigkeit ist uns wichtig und ich möchte betonen, nicht
als vertreter des dgb hier zu sein, sondern im auftrag der göttinger dgb-jugend
zu euch zu sprechen.
gegenwärtig sind die gewerkschaften leider oft weitgehend jugendfrei. der
ursachen gibt es dafür viele: einige hausgemachte (ritualisierte politikformen)
und viele gesellschaftliche (z.b. hat das allgegenwärtige neoliberale denken
und fühlen das verständnis für kollektive interessenvertretung
(in der arbeitswelt) verloren gehen lassen).
konkret sind wir als dgb-jugend göttingen gegenwertig stark engagiert
in der jugendbildungsarbeit (insb. in den themen antirassismus und partizipation/
(betriebliche) selbstorganisation). dabei hat desweiteren bildung' nicht
nur mit dem kopf zu tun: wir arbeiten auch an der bildung von strukturen, von
netzwerken, von gruppen.
genug der vorworte.
liebe freundInnen, liebe kollegInnen,
wir möchten euch gerne in göttingen willkommen heißen. göttingen
hat eine hohe lebensqualität und ist -trotz aller provinzialität und
spiessigkeit - eine interessante stadt. göttingen hat ja auch einen bestimmten
ruf - nämlich den, einer lebendigen linken und linksradikalen kulturellen
und politischen praxis - leider ist dabei der ruf besser als die realität.
aber trotzdem zeichnet sich diese stadt, die für dieses wochenende auch
euer ringen um eine andere welt, für ein schönes leben beherbergt,
durch etwas besonderes aus: trotz dessen, das gö eine kleinstadt ist, gibt
es hier ein bunte vielfalt unterschiedlicher netzwerke, die sich in unterschiedlichen
bereichen für die beendigung von ausbeutung und unterdrückung - für
die beendigung von herrschaft - einsetzen.
· antisexistische und feministische netzwerke agieren gegen patriachale
und sexistische verhaltensweisen und strukturen. sie treten ein für die
auflösung der normativen zweigeschlechtlichkeit und bekämpfen heterosexismus
· im feld der ökonomie bemühen sich gewerkschaftliche netzwerke
nicht nur um einen möglichsten hohen preis für die ware menschliche
arbeitskraft, sondern auch um eine möglichst geringe verdichtung von arbeitsprozessen
und minimale vernutzung der menschen. auch andere netzwerke sind hier am start
und bekämpfen mit kritik und aber auch visionären gegenentwürfen
für wirtschaftliches handlen (z.b. umsonstläden) den realexistierenden
kapitalismus.
· das der castortransport in göttingen - wenn er denn nicht einen
extra-umweg fährt - vollbremsungen hinlegen muss, kommt auch nicht von
ungefähr. den profitinteressen der atomindustrie, der unterwerfung kommender
generationen wird in dieser stadt gerne und oft aktiv entgegengetreten.
· antifaschistische netzwerke bemühen sich um die eindämmung
faschistischer ideologie und antirassistische netzwerke sind dabei, die weitere
rassistische selektion von menschen zu be- und wenn es geht zu verhindern.
· andere netzwerke wiederum beziehen sich in besonderer weise auf die
internationale perspektive und begreifen sich als aktiver teil der entstehenden
globalen ausserparlamentarischen opposition.
· weiteres wäre zu nennen: netzwerke gegen sozialabbau, netzwerke
gegen die ausgrenzung von gehandicapten menschen etc.
insgesamt kann mensch wohl sagen, dass in göttingen, wo euer ratschlag
dieses mal stattfindet, der emanzipationskoeffizient recht hoch ist.
hier kommt uns göttingerInnen dann auch noch etwas zu gute, was andere
vielleicht als provenzialität deuten würden: die kleinheit unserer
stadt erzwingt geradezu eine hohe dichte der kommunikation.
das hat positive auswirkungen. unter anderem auch auf die geschichte von bündnissen
in dieser stadt. ein beispiel soll das belegen: beim göttinger asta (=allgemeiner
studierendenausschuss) ist es in den 90ern gelungen, ein bündnis aller
linken hochschulgruppen zu bilden. aller heisst dabei, dass es egal war, ob
die jeweilige gruppe nun mit ihren sitzen im studierendenparlament zur mehrheitsbildung
notwendig war - oder nicht. das lief in der entstehung und im folgenden natürlich
nicht ohne schwierigkeiten - aber es hat über lange zeit gehalten. und
es hat sich gezeigt, dass es möglich ist - selbst unter studierenden -
unter wahrung der eigenen identität eine kollektive gemeinsame politik
mit grösserer reichweite zu praktizieren. die linken göttinger bündnissasten
waren eben mehr als die summe der einzelnen gruppen.
zur zeit ist es unserer einschätzung nach eine spannende frage, ob es gelingt,
die verschiedenen vorteile unserer stadt zu nutzen und hier ein netzwerk der
netzwerke zu bilden. der kleinste gemeinsame nenner dieses netzwerkes wäre
unseres erachtens, das eintreten für verringerung von herrschaft bzw. das
eintreten für emanzipation - in den unterschiedlichsten bereichen sowie
in gegenseitiger aktzeptanz und getragen von der erkenntnis, dass unsere stärke
unsere einheit in der vielfalt ist. wir werden sehen, wie sich die dinge entwicklen.
liebe freundInnen, liebe kollegInnen,
wir freuen uns also, dass ihr göttingen für
euren ratschlag ausgewählt habt, denn euer anliegen geht - so haben wir
das zumindest verstanden - in eine ähnliche richtung.
und wir haben uns gedacht, wir würden euch gerne etwas schenken. nämlich
die extra für euch von verschieden aktivistInnen erstellte ratschlagswundertüte.
deren inhalt möchte ich euch gerne noch kurz vorstellen:
ihr findet als erstes einen innenstadtplan - zur besseren orientierung
und mit hinweisen auf bestimmte besondere orte. so ist z.b. ein besuch göttingens
ohne einkehr in den buchladen rote straße am nikolaikirchhof eine echt
nur halbe sache.
dann findet ihr als zweites diverse ältere ausgaben der göttinger drucksache. diese ist ein beleg (von vielen) für die lebendigkeit dieser stadt und entstand vor mehr als 10 jahren als drucksache gegen krieg und zensur.
weiter bekommt ihr zum dritten je ein brillenputztuch. das soll euch
auffordern genau(er) hinzusehen und nicht oberflächenkosmetik zu betreiben.
manchmal hat das system eben keine fehler, sondern manchmal ist das system auch
der fehler.
und da oberflächenkosmetik zudem die gefahr in sich hat, menschenverachtende
verhältnisse ein wenig netter zu gestalten - sie vielleicht neu zu lackieren
- so bekommt ihr zum vierten ein kleines tütchen sand. jede reformbemühung
hat schnell, wenn sie nicht mit tiefgreifender kritik und perspektive gekoppelt
wird, etwas davon, wie schmieröl zu wirken. der sand soll also als aufforderung
verstanden werden, eben dieser in den getrieben der herrschaft zu sein.
der anlass für das fünfte geschenk ist ein zitat aus dem "Rundbrief
attac Göttingen Nr. 1/2003". dort steht unter der frage "Wer
oder was ist attac?" folgendes:
"Trotz der sicherlich sehr unterschiedlichen Positionen (...) gibt es unter
diesen Mitgliedern einen gemeinsamen Nenner. Es geht ihnen darum, dem "Tiger
Kapitalismus" die schärfsten Zähne zu ziehen, oder etwas konstruktiver'
ausgedrückt: Das Ziel der attac-Bewegung ist die Gestaltung einer solidarischen
Weltwirtschaftsordnung."
dieses zitat nehmen wir gerne zum anlass, euch jeweils ein stückchen
vom tigerfell zu schenken, denn uns erscheint es durchaus fraglich, warum
dem tiger nur die schärfsten zähne gezogen werden sollten - bekommen
tiger etwa keinen nachwuchs und haben die nicht auch ziemlich große pranken?
als sechstes bekommt ihr den text "Herrschaft ausmachen" geschenkt.
von herrschaft war ja in diesem grußwort viel die rede. dieser text (im
netz unter http://www.schoener-leben-goettingen.de zu finden) soll euch zur
auseinandersetzung anregen und zur überprüfung dienen, ob das konzept
herrschafft vs. befreiung nicht als kleinster gemeinsamer nenner des netzwerkes
der netzwerke taugt.
dann bekommt ihr, als siebtes, eine dominanzkarte. diese kleine rote
karte mit dem grossen schwarzen "d" soll euch für missfallensbekundungen
gegen dominanz und dominantes auftreten in den verschiedensten situationen dienen.
zieht sie und erzwingt so über die von euch wahrgenommene dominanz eine
auseinandersetzung.
zum achten schenken wir euch eine mailadressenliste der göttinger medien. ohne frage, gute pressearbeit ist total wichtig, die gefahr einer solchen jedoch ist, gerade bei dem herrschenden zustand der medienlandschaft, durch die eigene professionalität andere unsichtbar zu machen. welcher/welchem das egal ist, der/die hat die vorhandenen chancen nicht erkannt und verharrt in organisationsegoismen. wir dachten, es wäre ja vielleicht auch eine möglichkeit, wennjedeR die/der will, sich der pressearbeit (auch) zuwendet.
zum neunten bekommt ihr etwas salz - jede gruppe, jede organisation, jedes netzwerk, jedes unterschiedlich teil der sich bildenen globalen ausserparlamentarischen opposition hat ein bestimmtes eigenes anliegen. erfahrungsgemäss schätzt mensch das eigene anliegen und das eigene gewicht als besonders hoch und wertvoll ein. die geschichte der linken bewegung ist leider auch eine der aufeinanderprallenden einschätzungen. das salz steht als symbol dafür, dass eine bewegung der bewegungen sehr schnell geschmacklich sehr einseitig werden kann. darauf zu achten, dass nicht nur die eigenen anliegen sondern die anliegen aller beteiligter wahrgenommen werden ist eine hohe anforderung. nach den erfahrungen der letzten jahre gilt darauf zu achten in besonderer weise für attac.
abschliessend bekommt ihr als zehntes noch je ein stück traubenzucker.
dieser sei euch zum einen überreicht, um die eine oder andere klippe eures
ratschlages zu umschiffen und zum anderen, um darauf hinzuweisen, dass der weg
der emanzipation einer ohne ende ist und viele kräfte erfordert. um emanzipation
zu ringen ist eine nicht-endene tätigkeit - aber eine, die sich mit viel
freude und glück verbindet.
liebe freundinnen und freunde, liebe kolleginnen und kollegen,
die zeit für eine andere welt, für ein schöneres leben ist reif.
überreif. an unzähligen stellen in der welt merken menschen dieses
und fangen an sich zu bewegen. die bewegung der bewegungen hat begonnen und
es gilt sie zu pflegen und zu hegen und es gilt mit der gebotenen radikalität
den herrschenden zuständen entgegenzutreten.
in diesem sinne wünschen wir euch für euren ratschlag alles gute und
uns allen viel erfolg
vielen dank
17.01.2003, dgb-jugend göttingen
kontakt: 0551.4888994 oder dgb-jugend.suedniedersachsen@dgb.de