
attac-Ratschlag in Göttingen (Januar 2003)
Dokumentation des Kommunikations-Guerilla-Versuches. Versuch? Versuch! Versuch deshalb, weil das Flugblatt einfach zu realistisch war. Oder doch nicht? Lest selbst - unten:
Flugblatt des "Strategischen
Beirats" von attac
Aktionsbericht
eines Beteiligten
Flugblatt des "Strategischen Beirats" von attac
Downloadbar als PDF (23 KB, sieht hübscher aus)
Herzlich willkommen
zum Attac-Ratschlag!
Um während der anstehenden wichtigen Plenumsdebatte unnötige Reibereien
und Verzögerungen zu vermeiden, bitten wir Euch, unsere strategischen Empfehlungen
bei der Diskussion der zukünftige Ausrichtung von Attac zu beachten.
| Der Strategische Beirat ist eine Institution innerhalb des Attac-Netzwerks. Wir sind eine Expertengruppe aus Wissenschaftlern und erfahrenen NGO-Mitarbeitern und sehen unsere Aufgabe darin, in Zusammenarbeit mit dem Ko-Kreis die strategische Ausrichtung des Netzwerks vorzudenken und zu begründen. |
Zusammenfassung einiger Ergebnisse der Expertise
Attac 2003 - Strategische Chancen und Gefahren
Radikalismus (siehe Abschnitt 1.1 und 2.2.1ff)
Radikale Lösungsansätze für die brennenden Probleme der Menschen
sind heutzutage nicht mehr umsetzbar und mündeten in der Vergangenheit
stets in totalitären Systemen. Eine grundsätzliche, träumerische
Gesellschaftskritik kann also nicht im Interesse von Attac liegen. Der einzige
Weg zu gesellschaftlicher Einflußnahme ist die Orientierung auf reformistische
Politikinhalte und Politikformen. Deshalb ist es notwendig,...
Umgang mit den staatlichen Organen (siehe Abschnitte 2.5.1ff)
Politische Veränderungen lassen sich nur mit und innerhalb der rechtsstaatlich
verfassten Institutionen erreichen. Demokratisch verfasste Staaten bieten zuverlässigen
Schutz vor Willkür und können die gleichberechtigte Berücksichtigung
der Interessen der Bürger gewährleisten. Wir sollten uns daher positiv
auf die demokratische Kontrolle beziehen und an deren Weiterentwickelung mitarbeiten.
Insbesondere angesichts der Auswüchse der neoliberalen Globalisierung braucht
es eine durchgreifende Re-Regulierung auf globaler, nationaler und regionaler
Ebene, die die Interessen Einzelner in ihre Schranken weist und neuen Institutionen
und der Global Governance Durchsetzungskraft verleiht. Daher empfehlen
wir dem Ratschlag:
Organisationsform (siehe Kapitel 3ff)
Um effektives und kampagnenorientiertes Handeln zu ermöglichen, brauchen
wir eine klare Aufteilung der inhaltlichen und organisatorischen Kompetenzen
innerhalb des Attac-Netzwerkes. Wir halten folgendes für unverzichtbar:
Die vollständige Expertise kann man für 8,50 Euro über das Attac-Bundesbüro beziehen.
Aktionsbericht eines Beteiligten
An: Hoppetosse
Betreff: Kleiner Bericht vom Attac-Ratschlag / Aktionsdoku
Hallo!
Im folgenden ein kleiner Bericht zum Attac-Ratschlag letztes Wochenende in Göttingen und ein Verweis auf Attac-kritische Aktionen von verschiedenen Seiten:
Ich war beim Attac-Ratschlag von Samstagmittag (Diskussion mit Podium zum Krieg) bis Samstagabend (spät). Am interessantesten am offiziellen Programm war dabei zweifellos das, was wohl allgemein für am wichtigsten gehalten wurde. Der Attac-Ko-Kreis (die Bundesspitze) hatte in den letzten Monaten eine gemeinsame Erklärung mit dem DGB und Venro unterzeichnet ohne dies vorher abzusprechen bzw. gegen den erklärten Willen vieler Mitglieder beim letzten Ratschlag. Diesmal gab es deshalb dazu zwei Anträge von Attac-Ortsgruppen, die sich aus inhaltlichen und formalen Gründen für die Rücknahme der Unterschrift oder den Rücktritt des Ko-Kreises aussprachen. Für mich war es bitter mitanzusehen, wie diese Debatte behandelt wurde bzw. aufgrund des anvisierten Zieles einer allgemeinen, gemeinsamen Erklärung behandelt werden musste. Kernpunkt war, dass der Ko-Kreis seine Unterschrift (bzw. die Attac-Unterschrift) nicht zurückziehen wollte und darauf setzte, dass die GegnerInnen keine 90% Unterstützung für dieses Anliegen gewinnen können (der Ko-Kreis hätte vermutlich auch keine 90% für die Unterschrift gewinnen können, aber die war ja bereits abgegeben). Die Debatte spielte sich dann so ab, wie in jedem anderen halbwegs strukturkonservativ-linken politischen Verein: Es gibt ein Plenum, Geschäftsordnungsanträge, Moderation, Abstimmungen, Streitereien ums Verfahren, Mißtrauensvorwürfe, geschickte Integrationsversuche etc. pp. - genau so, wie ich es von den Grünen oder aus dem Studierendenparlament und anderen Zusammenhängen (auch "linksradikalen") kenne. Es kam null Bewegungsstimmung auf und auch nicht der Eindruck, Attac sei unterwegs, um eine andere Welt aufzubauen und das besserte sich auch später nicht (als bis tief in die Nacht der Haushalt verhandelt wurde). Angeblich soll das sonst nicht so gewesen sein bei den Ratschlägen, sonst hätte man auch das Konsensverfahren eher als Aufruf zum Weiterdiskutieren interpretiert, als nur als formales 90%-Quorum bei Abstimmungen. Aber auch die angereisten Attacis waren von meinem Eindruck her zu einem großen Teil die ganz üblichen, mittelalten Leute, die auch schon bei den Grünen, der SPD oder in den vielen anderen alten, eher strukturkonservativen Gruppen und Verbänden mitmachen. Die RednerInnen waren augenscheinlich geübt, in solchen Plenumsdebatten Argumente und Meinung vorzutragen, mit weniger gut vorgetragenen und -bereiteten Beiträgen oder grundsätzlicher Kritik hätte man in der Runde vermutlich nur freundliche Ignoranz oder Ausgrenzung geerntet. Ich glaube so ist es schneller vorbei als gedacht mit der Attac-Bewegung, ich fand es jedenfalls erschreckend normal und daher vom emanzipatorischen Standpunkt nicht weiterführend. (Linksruck und SAV spielen übrigens auch nur eine untergeordnete Rolle).
Ich hatte allerdings jenseits der Beobachtung des offiziellen Programms einige ganz nette und interessante Gespräche mit einzelnen Attacis und man muß natürlich auch erwähnen, dass das Programm auch Workshops, Vorträge und Mobilisierungsaufrufe und -diskussionen insb. zum Krieg enthielt - viele Attacis sind durchaus zum Zwecke der Bekämpfung verschiedener gesellschaftlicher Übel unterwegs und aus den ausliegenden Papieren von Attac-AGs und Ortsgruppen geht auch hervor, dass dabei bisweilen durchaus radikalere (kapitalismuskritische) Ansätze gewählt werden, als der NGO-mäßige von Bundesbüro und Ko-Kreis. Herrschaftskritisches, einen Aufruf und Ansätze zur Selbstorganisation oder eine Reflexion der antiemanzipatorischen Wirkungen der vereinheitlichen und hierarchieförmigen Organisationsstruktur von Attac, habe ich allerdings nirgendwo rauslesen können.
Wie dem auch sei ... es gab insgesamt vier kritische Kommentare von außen während des Ratschlags:
1. Ein Mensch von der DGB-Jugend Göttingen hat ein Grußwort gehalten
und es sich dabei nicht nehmen lassen, den Delegierten einige Anmerkungen in
die Debatte mitzugeben (freundlich-bestimmter Aufruf zu Vernetzung,
zur Herrschaftskritik,...). Dazu bekamen alle Angereisten eine Wundertüte
mit verschiedenen Erinnerungshilfen verteilt (u.a. ein Stück Fellstoff,
um sie dazu aufzurufen, dem "Tiger Kapitalismus" nicht nur die schärfsten
Zähne zu ziehen, wie es ein Flugi versprach, sondern das ganze Tier zu
erlegen). Die Aktion kam durch eine Kooperation der DGB-Jugend mit einer Arbeitsgruppe
aus dem Zusammenhang schöner leben göttingen zustande. Von Seiten
der Attacis sind unterschiedliche Reaktionen aus Gesprächen etc. überliefert,
es gab aber mehrfach Szenenapplaus während der kleinen Rede.
2. Es ist ein Flugblatt eines "Strategischen Beirats" von Attac aufgetaucht und wurde vor der Debatte um die unabgesprochene Unterschrift verteilt. Nach kurzer Zeit wurde dazu vom Podium verkündet, dass der "Strategische Beirat" wohl ein heimlicher Beirat sei, da man ihn nicht kenne. Das Flugblatt gibt mit ironischem Unterton wieder, was man bei Attac kritisieren könnte bzw. in welche Richtung das Attac-Projekt gehen könnte. Nach meinem Dafürhalten, sind die unter "Organisationsform" beschriebenen Dinge bereits weit fortgeschritten bei Attac. Überhaupt war das Flugi zu realistisch, viele werden seinen kritischen Gehalt vielleicht gar nicht bemerkt haben, andere wiederum haben sich echt aufgeregt (entweder über den Strategischen Beirat und seine Empfehlungen oder über das Fake als solches), viele haben es aber gelesen und dem Aufruf, es zu zerknüllen sind nur wenige nachgekommen. Inhaltlich hat sich vom Podium niemand geäußert, keine Distanzierung, keine Kritik, keine offene Zustimmung, was man jenseits der Beiträge vom Podium jedoch von einzelnen Leuten alles hören konnte. Was insgesamt bei den anwesenden Attacis dazu gedacht und diskutiert wurde, kann man natürlich nicht wissen. Die in die Flugblattverteilung involvierten Aktionsgruppe aus dem Kreis von schöner leben göttingen ist es mit dem Flugi jedoch gelungen, wirklich viele Gespräche mit einzelnen Attacis über die Strategie und Struktur ihrer Organisation zu führen.
3. Offenbar hatte ein Mitorganisator des Ratschlags aus der Göttinger Attac-Gruppe die sehr weise Idee, eine Straßenmusikgruppe mit Namen "Die Guten" (vormals "Milch&Blut") für das samstägliche Abendprogramm einzuladen. Gut die Hälfte der noch insgesamt Anwesenden lauschten ihren hübsch vertonten und textreichen Liedern und Geschichten, während die andere Hälfte wo anders den Haushalt beriet (es sich aber nicht nehmen lies, das Konzert einmal für die Durchsage: "Wir sind jetzt bei Antrag null-zwei" zu unterbrechen). Diese Combo war super und der subversivste Beitrag zum Attac-Ratschlag, inhaltlich weit jenseits des vermuteten Mainstreams der ZuhörerInnen bzw. des tatsächlichen Mainstreams von Attac - AnarchistInnen mit selbstorganisiertem Lebenskonzept und der "richtigen" Message. Zu einem Lied, bei dem es um den Einsatz von Sprache zur Absicherung herrschender Ideologien ging (natürlich alles gut verständlich, alltagsnah und lustig formuliert) brachte "ein Guter" das Beispiel mit dem Konsens: Sie hätten sich ja bei ihrer Ankunft gewundert, wie schlau attac das macht. Die benutzen einfach das Wort "Konsens" und meinen 90%-Quoren-Abstimmungen. Es folgte verhalten-beschähmtes Lachen des Publikums. Ansonsten gab es aber auch immer wieder viel Applaus für Erwerbsarbeit-verachtende Texte, Aufforderungen zu radikaler Emanzipation im Alltag, antisexistischen Themen, die Forderung nach mehr Alternativkultur, subversiver und unberechenbarer direkter Aktionen, die totale Zurückweisung von Struktur und Dominanz... (letzterer unvollständiger Themen-Überblick war natürlich nicht O-Ton, sondern meine wenig lyrischen Worte). Ein Tipp für kommende größere Treffen!
4. Eine wertkritische und antideutsche Unigruppe aus Gö, das [a:ka], hat ein kurzes Flugblatt ("attackiert attac!") verteilt. Mir liegt es vor, ich bin aber wegen einiger kritischer Anmerkungen von der Person, die es mir gab gebeten worden, es erstmal nicht weiter zu verbreiten. Ich denke, man kann sich bei Interesse ggf. direkt an das [a:ka] wenden (http://puk.de/aka/hauptseite.php). Die Reaktionen waren wohl eher gleichgültig. (nur ein Zitat, letzter Absatz aus dem Flugi, weil das wohl die Hauptstoßrichtung ist, aber auch einiges über die Gruppe [a:ka] sagt: "Als neue deutsche Sozialdemokratie ist attac in ganz Europa treffend bezeichnet, ihr emanzipatorisches Potential entspricht dem der SPD und ihr politisches Projekt gehört daher von jedem noch zu kritischem Denken fähigen Wesen bekämpft.")
Soweit was ich erlebt habe, andere - auch aus den erwähnten Arbeitsgruppen - mögen das anders sehen und ggf. bitte kommentieren oder ergänzen. Anbei das Grußwort der DGB-Jugend (inkl. Wundertütenbeschreibung) und das Kommunikationsguerilla-Flugi. Außerdem noch der Link zu einer angepaßten Kampagne und einer sehr dürftigen "kritischen" Zusatzerklärung: http://www.attac.de/ratschlag-aktuell/
einbeteiligter