AG Schöner Lernen bei Schöner Leben Göttingen, Dezember 2003
Warum wurde das Oeconomicum von der Polizei geräumt?
Mitte November demonstrierten tausende Studierende, die Uni-Leitung und der mitte-rechts AStA der Uni Göttingen gemeinsam am Gänseliesel. Am Nachmittag des 08.12.03 ließ die Uni-Leitung hunderte von Studierenden mit einem martialischen Polizeiaufgebot aus dem Oeconomicum schleifen. Was ist passiert?
An der Uni nichts Neues (frei nach Remarque)
Eigentlich ist nicht viel Neues passiert. Denn die Unileitung und die Studierenden
hatten - abgesehen vom Verhindern der Kürzungen für die Uni Göttingen
-von
vornherein unterschiedliche Interessen: Auf der einen Seite der Unipräsident
Horst Kern (Stegemühlenweg 25, schläft schlecht), der mit Stiftungsuniversität
und
allgemeinen Studiengebühren einen möglichst effizienten Uni-Standort
errichten will. Auf der anderen Seite setzen sich Studierende für ein weiterhin
breites Studienangebot sowie einen Studienzugang ein, der möglichst wenig
von sozialer Herkunft abhängig sein soll.Aber auch innerhalb der Studierendenschaft
ließen sich vorhandene Gegensätze nicht lange verbergen. Die eine
Gruppe von Studierenden, die sich durch den momentanen AStA vertreten fühlt,
weigert sich, die Kürzungen überhaupt in einen politischen Kontext
zu stellen. Mit einer von der Unileitung fast nicht zu unterscheidenden Argumentation
fordert diese Gruppe den Erhalt ihrer Privilegien als zukünftige gesellschaftliche
Elite. Ein anderer großer Teil der Studierenden sieht die Kürzungen
jedoch im Zusammenhang gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen. Ihnen ist klar,
dass das Ergebnis ihrer Proteste nicht sein darf, dass Kürzungen auf andere
Gesellschaftsgruppen wie MigrantInnen, RentnerInnen oder Kinder abgewälzt
werden. Vielmehr kritisieren sie die neoliberale Politik und stellen die vorherrschende
wirtschaftliche bzw. gesellschaftliche Ordnung generell in Frage. Eine Möglichkeit,
Alternativen zu den bestehenden Verhältnisse zu erdenken und voranzutreiben,
ist für sie die Nutzung von öffentlichen Räumen. Dort wollen
sie sich möglichst frei und selbstorganisiert zusammenzufinden. Der Versuch,
einen solchen Freiraum an der Uni einzurichten, wurde nun brutal auf Anordnung
des Uni-Präsidenten von der Polizei unterbrochen.
Das ist unsere Uni (frei nach Ton Steine Scherben)
Im Oeconomicum (OEC) hatten sich am Morgen des 08.12.2003 streikende Studierende
zusammengetan, um den Raum für inhaltliche Debatten, theoretische Recherche
und kreative Aktionsvorbereitungen zu nutzen. Obwohl auf Anweisung der Unileitung
alle Seminarräume abgeschlossen waren, bildeten sich schnell Kleingruppen
und nutzten den noch vorhandenen Raum. Über das Mikro am Eingang des Gebäudes
wurde immer wieder darauf verwiesen, dass das Oeconomicum nun ein offener Raum
für alle StreikaktivistInnen sei. Trotzdem - oder gerade deshalb - schickte
Kern zwei in Kampfmontur anrückende Hundertschaften der Polizei, um die
Studierenden aus ihrer Universität zu vertreiben. Dabei wurden die protestierenden
Studis an den Haaren aus dem
OEC gezogen, ihnen wurde die Nase ins Gesicht gedrückt und die Arme verdreht,
sie wurden getreten und geschlagen. Schwerwiegende Verletzungen wurden in Kauf
genommen, als aus dem Keller stürmende PolizistInnen eine der großen
Scheiben der Hausaufgangstüren aus dem Türrahmen drückten und
auf die im Flur sitzenden Studis krachen ließen. Dann, wie nicht anders
zu erwarten, schaffte es die Polizei letztlich (hat aber lange gedauert), ca.
200 bis 300 Studis aus dem Gebäude zu treiben. Die Situation ist in der
Tat absurd: Studierende sitzen in der Universität und werden von PolizistInnen,
die dort nun wirklich nichts
zu suchen haben, gewaltsam entfernt. Dass der Uni-Präsident weniger Studierende
an seiner Universität haben möchte, wissen wir, seit er sich für
Studiengebühren
ausgesprochen hat. Dass er jedoch so weit gehen würde, die missliebigen
Subjekte gewaltsam aus den Gebäuden werfen zu lassen, überrascht doch.
Während an anderen Universitäten wesentlich toleranter mit ähnlichen
Situationen umgegangen wird, in Berlin zahlreiche Gebäude seit Wochen besetzt
sind und die
studentischen Proteste dort unter anderem die universitäre Machtverteilung
grundsätzlich in Frage stellen, scheinen soziale Auseinandersetzungen für
Kern ein rotes Tuch zu sein. Bei der Räumung des OEC hinterließ er
jedenfalls den Eindruck, dass er schlicht und ergreifend durchgedreht sei. Vielleicht
sollte er mal jemanden fragen, der sich mit so was auskennt.
Wieso denn bloß? Wieso tut er so? (frei nach Lindgren)
Doch diese völlig unangemessene Reaktion des Unipräsidenten kam keineswegs
aus dem Nichts: Seit Beginn der studentischen Proteste versuchte er, diesen
seine
Inhalte aufzudrücken. Der AStA hat ihm das bislang problemlos ermöglicht.
Da aber inzwischen Widerstand Inhalte und Formen angenommen hat, die Kerns Vorstellungen
widersprechen, wendet er sich nun gegen die Aktivitäten. Sobald er keine
Möglichkeit mehr sieht, soziale Proteste für seine Belange zu instrumentalisieren,
entsolidarisiert er sich. Gleiches gilt auch für den mitte-rechts-rückwärts-AStA,
der schon am Vormittag seine Hoffnung zum Ausdruck gebracht hatte, die Polizei
möge doch schnellstmöglich sicherstellen, dass nicht gestreikt wird.
Was tun? (frei nach Lenin)
Wer sich nicht gefallen lassen will, dass die Universität ein Herrschaftsbereich mit staatlichen, wirtschaftlichen und privat-präsidialen Interessen ist und wer stattdessen an einem Ort studieren möchte, an dem Selbstbestimmung und kritisches Reflektieren nicht nur in Geschichtsvorle-sungen vorkommen, darf trotz dieser Gewalt nicht den Kopf in den Sand stecken. Vielmehr gilt es, sich in Gruppen zu organisieren, für eine lernens- und lebenswerte Universität zu kämpfen und dabei die bestehenden Herrschaftsverhältnisse in Frage zu stellen. Es darf aus den aktuellen Protesten nicht ausgespart werden, warum eineR, sei es nun Kern, Stratmann, der Markt oder wer auch immer, etwas bestimmen kann und tausende andere darunter zu leiden haben. Hiergegen gilt es, kreativ und vielfältig unseren Protest in die Öffentlichkeit zu tragen. Um diese Proteste zu ermöglichen und gesellschaftlich wirksam werden zu lassen, braucht es Formen eines Miteinanders, das nicht von äußeren Zwängen bestimmt ist. Räume wie das immer noch bedrohte Café Kollabs gehören hier ebenso dazu wie die Praxis selbstbestimmten Lebens und Wirtschaf-tens, die überall in Keimformen entstehen.
Die Uni muss sterben
damit wir lernen können!
Herrschaft ausmachen!