AG Schöner Lernen bei Schöner Leben Göttingen, November 2003
Die Uni muss sterben damit wir lernen können
Im Grunde kann so ein Lernhaus ja ein toller Ort sein: viele wissbegierige Menschen
aus unterschiedlichsten Lebenszusammenhängen treffen sich und beschäftigen
sich mit für sie wichtigen Fragen und Zusammenhängen. Gemeinsam mit
anderen eignen sie sich kreativ Wissen an, entwickeln es weiter und konfrontieren
es mit kritischen Fragen und ihren Alltagserfahrungen. Die Inhalte sind im dauernden
Fluss, stets wird von allen Seiten um sie gerungen. Alle können dabei von-
und miteinander lernen. Eine gemütliche Lernatmosphäre mit integriertem
Lebens- und Erholungsbereich tut ihr übriges. Natürlich steht kollektive
Infrastruktur wie Arbeitsräume, Bücher und Computer zur Verfügung,
und auch in Mensaküche und Werkstatt kann lernen, wer möchte.
Lernorte wie diese sind allerdings in unseren Breiten (und zugegebenermassen
auch in anderen) derzeit in der Regel nicht anzutreffen. Stattdessen gibt es
Schulen und Universitäten. Und an denen ist nicht viel mit selbstbestimmtem
Lernen.
We
dont need no education
Das erste was an einer Uni auffällt, sind die extremen Statusunterschiede:
Da gibt es ProfessorInnen, akademische Räte, wissenschaftliche MitarbeiterInnen,
studentische Hilfskräfte, einfache Studierende und nicht zuletzt
Reinigungskräfte und andere Angestellte, die in einer festgefügte
Hierarchie angeordnet sind. Entsprechend wird das Wissen auch nicht gemeinsam
erarbeitet, sondern in klarer Aufgabenverteilung schon fertiges Wissen von oben
nach unten durchgereicht.
Studierende haben dabei in den seltensten Fällen Einfluss auf Studieninhalte
und Seminarorganisation. Kritik an dem überkommenen universitären
Wissen ist jedoch bitter nötig, da es Jahrhunderte alte Herrschafts- und
Unterdrückungsverhältnisse konserviert und weitergibt.
Kollektives Erarbeiten eines gemeinsamen Wissenspools ist hier nicht möglich.
So unterliegen die Veranstaltungen in aller Regel einer rigiden Zeitvorgabe.
Einwände können so stets mit dem formalen Argument, dies gehöre
nicht zum Thema, oder es sei für derartig grundsätzliche Diskussionen
an dieser Stelle leider kein Raum, abgewiegelt werden.
Aber auch innerhalb der Statusgruppen manifestieren sich Hierarchien: wenn einmal
Anmerkungen aus der Studierendenschaft zu hören sind, ist die Quelle meist
leicht auszumachen: vorwiegend aus gutbürgerlichem Elternhaus stammende
Studierende, meistens Männer, täuschen geschickt fachliche Kompetenz
vor. In diesem grossen Uni-Bluff haben das praktische Wissen und Kritikpotential
der anderen keinen Platz und werden systematisch unterdrückt. Oft genug
geht es nur darum auszuloten, wer sich am Besten gegenüber den ProfessorInnen
und den übrigen Studierenden profilieren kann. Natürlich herrscht
auch zwischen den WissenschaftlerInnen ein ständiger Machtkampf um Anerkennung,
die jetzt wissenschaftliche Reputation heisst. Ihnen geht darum,
Blumentöpfe und Nobelpreise zu gewinnen, sich im Forschungsranking hervorzutun
und damit die Zukunft ihres Lehrstuhls und ihrer Forschung zu sichern.
Lehrveranstaltungen an der Universität dienen demnach nicht der Erweiterung
von Wissen. Vielmehr geht es zum einen um die Rekrutierung von wissenschaftlichem
Nachwuchs, um den universitären Laden am Laufen zu halten. Zum anderen
geht es um die Ausbildung von Menschen, die führende Positionen in Wirtschaft
und Gesellschaft übernehmen sollen. Alle, die das dafür notwendige
monotone Lernverfahren nicht mitmachen, werden unterwegs ausgesondert. Es gilt,
sich möglichst an den herrschenden wissenschaftlichen Kanon anzupassen.
Wer gesellschaftliche Normalität kritisch in Frage stellt, wird im inneruniversitären
Machtkampf nicht bestehen und ausgesiebt.
Organisatorisch ist dieses Prinzip durch die Verwaltungsgremien abgesichert.
Hier haben die ProfessorInnen stets die absolute Mehrheit nicht bloss
im Vergleich zu anderen Statusgruppen, sondern auch im Vergleich zu allen Statusgruppen
zusammen.
Money, Money,
Money
Doch nicht nur innerhalb des tagtäglichen Unibetriebes bleiben viele Menschen
auf der Strecke. Die meisten kommen erst gar nicht dort an. Sie scheitern bereits
vorher an den rigiden Auslesemechanismen eines dreigliedrigen Schulsystems.
Dass gerade hierzulande nur 5% der Kinder aus ArbeiterInnenfamilien studieren,
ist da kein Zufall. Für MigrantInnen sieht es noch schlechter aus. Auch
die Fähigkeit, sich in Institutionen wie Gymnasien und Universitäten
zu behaupten, ist extrem von der gesellschaftlichen Herkunft abhängig.
Diese Tendenz zur sozialen Selektion wird durch 500 Euro Studiengebühren
verstärkt. So viel Geld lässt sich nur von den Wenigsten ohne Probleme
aufbringen. Schon heute müssen viele Studierende neben dem Studium arbeiten
gehen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Wer so in der Konkurrenz um die
begehrten Studienplätze bestehen wird, ist klar. Und der lückenlosen
Reproduktion der herrschenden Ordnung steht nichts im Wege.
Konkurrenz findet aber auch im universitären Wissenschaftsbetrieb statt.
Im Wettbewerb um staatliche Zuschüsse und Drittmittel aus der Wirtschaft
kämpfen Universitäten, Fachbereiche und Institute gegeneinander. So
sind die Lerninhalte letzten Endes nicht von den Studierenden, sondern von wirtschaftlicher
und staatlicher Interessenformulierung abhängig. Die Universitäten
sind eben von den Prinzipien Verwertbarkeit und Profitmaximierung genauso durchdrungen
wie die Gesellschaft insgesamt.
Was hat dich bloss
so ruiniert
Was zum Henker interessiert mich kreative Lernfreude? Ist es nicht legitim,
das ich versuche an der Uni mein Bestes zu geben und dafür auch belohnt
werde? Der Gedanke daran, dass die Verhältnisse so, wie sie sind,
auch richtig sein müssen, hat sich in den Köpfen von uns allen so
festgefressen, dass wir ihn schon als Naturgesetz zu akzeptieren bereit sind.
Das führt am Ende dazu, dass wir selbst offensichtlichste Widersprüche
nicht mehr erkennen. So haben viele die Rhetorik von der unbedingten Notwendigkeit
zu Sparen derart verinnerlicht, dass ihnen der Kopf brummt. Was es braucht,
ist eine radikale Entziehungskur: Spart euch das Sparen!
Dann kann der Blick auch auf die Absurdität der Verhältnisse gelenkt
werden. Denn diese zwingen einen ständig, die eigenen Bedürfnisse
zu relativieren. Nicht unsere angeblich überzogenen Bedürfnisse sind
das Übel, sondern die Verhältnisse, die uns Verzicht einreden wollen.
Learning to fly
Es muss uns bei unserem Kampf um eine lebenswerte Universität also darum
gehen, die aktuell anstehenden Grausamkeiten in den Zusammenhang einer herrschaftsförmigen
Gesellschaftsorganisation und deren Folgen zu stellen. Dass unser Protest über
die Universität hinausgehen muss, wird dann zur schlichten Selbstverständlichkeit.
Schliesslich sind SozialhilfeempfängerInnen, RentnerInnen, Behinderte und
MigrantInnen mindestens ebenso von den Folgen einer neoliberal dominierten Umstrukturierung
der kapitalistischen Gesellschaft betroffen.
Ziel kann nicht ein blindes Anrennen gegen Sparmassnahmen sein, die nun dummerweise
auch mal die Göttinger Universität getroffen haben. Solche einfachen
Argumentationsgänge, wie sie ja auch von der Unileitung sowie vom AStA
propagiert werden, sind ebenso billig wie populistisch. Ohne eine Infragestellung
der herrschenden Verhältnisse führt ein von solchen Argumenten geprägter
Protest lediglich zur Verteidigung von Elitepositionen in Wissenschaft und Gesellschaft.Lassen
wir uns also nicht für die Interessen der Unileitung, der Landesregierung
oder eines Standorts Deutschland instrumentalisieren.
Blumentöpfe für alle! Herrschaft ausmachen! Schöner Lernen jetzt!