Beitrag zur Readerin zum Festival "Antifee 2008" (15.+16.06.2008)
Offiziell über 30 Mio. Euro hatte die viermonatige, Ende September 2005
gestartete, vor allem von Medienkonzernen getragene und nach eigenen Angaben
bislang größte „Social-Marketing-Kampagne“ zur Verfügung.[1]
Zum Zeitpunkt des Antifee 2008 ist die zweite Welle der Kampagne, diesmal zum
Thema Kinderfreundlichkeit, gerade vorüber (siehe gesonderter Text). Um
DbD2 richtig einordnen zu können, lohnt sich ein Blick auf die Grundkonstruktion
der Kampagnen, wie sie in DbD1 zum Ausdruck kam.
Mit unverhülltem Nationalismus schockte die von Promis unterstützte
erste Welle von „Du bist Deutschland“. Die Liebe zu Deutschland
bzw. ein Deutschland-sein wurde als Begründung und Belohnung für Eigeninitiative
und Motivation dargestellt. Spots, Anzeigen und Plakate sollten Zuversicht und
positives Denken erzeugen – immer verbunden mit der Konstruktion einer
nationalen Gemeinschaft der Deutschen als sinnstiftendem Element. Über
die Ergebnisse der Kampagne freut sich ihr Sprecher Lars Cords. Sie habe zu
„unverkrampftem Patriotismus“ beigetragen und den Wunsch nach einem
„starken und selbstbewussten Deutschland“ erneuert.[2] Man wundert
sich, dass nationale Selbstvergessenheit und Herrschaftsstreben schon wieder
als moderne Tugenden gelten können. Was treibt zu solch nationalistischen
Erweckungseifer?
„Behandle Dein Land doch einfach wie einen guten Freund. Meckere nicht
über ihn [...] Du bist Deutschland.“ (aus dem TV-Spot)
Der Nationalismus von DbD1 soll eine „heilende“ Wirkung entfalten.
Der Erfolg der Nation soll zum Bezugspunkt des Denkens und Handelns werden,
um von den gesellschaftlichen Widersprüchen und individuell erlebten Härten
abzulenken. Die Wirklichkeit ist eben keine Erfolgsstory, schon gar keine deutsche.
Sie ist auch gekennzeichnet durch Arbeitslosigkeit, Sozialabbau, Armut, Elend
der 3. Welt, Rassismus, Kriege, globale Umweltkatastrophen, Slums, Sklaverei
etc. Aus einem konstruierten nationalen Kollektiv geschöpfte Motivation
und Zuversicht soll über die täglichen Existenz- und Zukunftsängste,
den Druck durch Konkurrenz, Verwertung und Kontrolle hinweg täuschen. Kampagnen
für einen nationalen Aufbruch zielen auf ein Einverständnis mit diesen
Zuständen und Zumutungen. Die Bevölkerung soll für die nach innen
und außen gerichteten Herrschafts- und Profitansprüchen der wirtschaftlichen
und politischen Eliten mobilisiert werden, sie wenigstens klaglos akzeptieren.
Die Kampagne „Du bist Deutschland“ ruft „mach mit, pack an,
halt’s maul und freu dich“; sie ruft eben nicht „kritisiere,
misch Dich ein, ändere die Welt und emanzipier dich“ wie es für
ein schöneres Leben eigentlich notwendig wäre.
Solche nationalistischen denk-dich-glücklich-Kampagnen sind ein Beitrag
zur Stabilität der Herrschaftsverhältnisse. Aus Sicht der davon Profitierenden
sind sie offenbar notwendig, angesichts des in Umfragen immer wieder bestätigten,
fortgeschrittenen und zunehmenden Vertrauensverlusts in das politische und wirtschaftliche
System. Die für einen größeren Bevölkerungsteil spürbaren
neuen, sozialen Härten im nationalen Wettbewerbsstaat Deutschland erzeugen
zudem ein wachsendes politisches Gefahrenpotenzial. Durch die Besinnung auf
eine nationale Gemeinschaft und Aufgabe kann das entschärft werden. Dass
die nationale Ideologie auch den Nazi-Banden in die Hände spielt, wird
als Nebenwirkung der Beruhigungspille (gerne?) in Kauf genommen. Da helfen weder
Promis noch anheimelnde Optik, die Kampagne ist in ihrer Grundanlage beängstigend.
Noch ein Wort zum Rassismus: Bei DbD1 sind im Unterschied zu DbD2 auch Leute
mit Migrationshintergrund offensiv in Szene gesetzt worden. Für die Botschaft
von DbD1 braucht auch nicht auf ein völkisch konstruiertes, angeblich natürliches
Kollektiv zurückgegriffen werden. In dem Fall ist man ganz offen: Für
Deutschland anpacken und sich sonst aus allem raus halten, dürfen alle.
Fußnoten
[1] Der erste Teil der Kampagne ist im Internet nicht mehr zu finden, viele
Infos stammen daher von http://de.wikipedia.org/wiki/Du_bist_Deutschland
[2] «Du bist Deutschland»-Interview: Wenn wir dabei den einen oder
anderen provoziert haben, war uns das recht (exklusiv). http://www.medienhandbuch.de/prchannel/details-12773.html
Beitrag zur Readerin zum Festival "Antifee 2008" (15.+16.06.2008)
Es bleibt einer/einem nichts erspart, auch nicht eine zweite Welle der Kampagne
„Du bist Deutschland“. Zum Antifee soll sie gerade beendet sein.
Die Kampagne hatte diesmal eine spezifischere Botschaft. DbD2 kann als ein praktischer
Anwendungsfall für den mit DbD1 geschürten Nationalismus betrachtet
werden (siehe gesonderten Text zu DbD1). DbD2 präsentiert ein Projekt für
die Nation.
„Ja, du machst uns wahnsinnig – vor Glück. […] Du
zeigst uns, dass es nie den falschen, sondern eigentlich nur den richtigen Zeitpunkt
gibt dich zu bekommen. […] Du bist Deutschland.“ (aus dem TV-Spot)
Die Kampagne fordert mehr Kinderfreundlichkeit für Deutschland –
tatsächlich hat sie aber eine klar pronatalistische (= geburtenfördernde)
Zielsetzung. Deutlich wird das auch anhand des emotionalisierenden TV-Spots
der Kampagne. In dem geht es nicht oder nur am Rande um die Freiräume für
Kinder oder die Unterstützung ihrer Entwicklung. Gezeigt werden, oft aus
Elternperspektive, (süße) Szenen der Freude, aber auch viele typische
familiäre Grenzsituationen (Kinder beschmieren Möbel, hassen Schule,
sind krank…). Alles löst sich auf in beruhigender Musik, einem Augenzwinkern
und positiven Szenen (wobei Jugendliche in sozial-rassistischer Weise überwiegend
negativ repräsentiert sind). Von den echten Problemen von Kindern, Jugendlichen
und Eltern kommt in dem Spot nichts vor: Mangelnde Betreuungsmöglichkeiten,
Doppelbelastung der Eltern durch Haushalt und Familie und Lohnarbeit, soziale
Not, fehlende Freiräume für Kinder und Jugendliche, mangelnde Aufmerksamkeit
für sie, Gewalt, Leistungsdruck in der Schule, Bildungskosten, rassistische
Ausgrenzung etc. Sagen dürfen die gezeigten Kinder und Jugendlichen im
Spot nichts. Wieso sollten sie auch zu Wort kommen, ihre Bedürfnisse stehen
ohnehin nicht im Mittelpunkt, sondern ein nationales Projekt zur Erhöhung
der Geburtenrate. Wer Teil dieses Projekts ist, wird mit dem Spot auch gleich
klar gemacht. Deutlicher als bei DbD1 wird die Nation völkisch konstruiert:
Behinderte Kinder tauchen nicht auf, MigrantInnen nur in homöopathischen
Dosen, Arme, Kranke, Hässliche oder Menschen aus heruntergekommenen Gegenden
auch nicht. Zu all jenen will man lieber nicht „Du bist Deutschland“
sagen.
Der von einer Frauenstimme eingesprochene Text mit den vielen Du-Ansprachen
könnte aus der Perspektive einer nationalen Gemeinschaft formuliert sein
oder aus der Perspektive von Eltern. Er ist ein Bindeglied zwischen der Aufforderung
zum Kinderkriegen und der Botschaft an alle, Kinderfreundlichkeit als ihre nationale
Aufgabe zu begreifen. Gegen Kinderfreundlichkeit ist nichts einzuwenden, aber
nicht als Pflicht für Deutschland, sondern für die Kinder ist sie
wichtig. Die ideologische Indienstnahme der Fortpflanzungsfähigen, die
DbD2 anstrebt, ist hingegen als solches schon eine herrschaftliche Anmaßung.
Dies auch noch für ein nationales Gebärprojekt mit völkischem
Zuschnitt zu versuchen, ist bodenlos. Vor allem, da die Demographie-Debatte
in weiten Teilen ein völkisches Hirngespinnst ist. Wieso braucht es unbedingt
mehr deutsche Kinder, angesichts von Millionen von Flüchtlingen und Heimatlosen
jeden Alters, die gerne hier leben würden? Wieso sollte es überhaupt
mehr oder weniger Menschen geben?
Hoffentlich wird kein Kind für Deutschland geboren.
[Mehr zur Kinderdebatte steht im Flugblatt „Neun ganz persönliche
Gründe (keine) Kinder zu kriegen …und was leicht übersehen wird“
– es ist an typischen Flugiverteilstellen zu finden und auf unserer Homepage.]