Bericht
zum Beitrag beim Workshop "Doing Intersectionality - Über das Recht
auf Verschiedenheit und den Umgang mit Differenz" (28.-30. November 2008,
Uni Hamburg)
Ziel des Workshops war es, herauszufinden, ob durch eine bestimmte politische
Aktion das Zusammenwirken verschiedener Herrschaftsverhältnisse im Erleben
der Menschen öffentlich thematisiert werden kann. Die Teilnehmenden wurden
eingeladen, diese Aktion vorzubereiten und durchzuführen, um sie anschließend
auszuwerten. Als Aktionsform wurde Mars-TV gewählt und als Thema Bevölkerungspolitik.
Methodisches Vorgehen: Mars-TV
Es handelt sich um eine interviewartige Aktionsform, in der ein Team als Mars-Menschen
verkleidet Passant_innen an öffentlichen Plätzen interviewt. Die Marsianis
versuchen, eine radikale Außenperspektive auf die Gesellschaft einzunehmen
und können so die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, wie Zweigeschlechtlichkeit
oder Nationalstaaten hinterfragen. Zwei von ihnen führen die Interviews.
Zwei andere tragen einen „Bildschirm“, der aus einem bemalten Laken
mit ausgeschnittenem Sichtfenster besteht (siehe Skizze und "Allgemeine
Tipps zur Durchführung von Mars-TV" [1]).
Grundsätzliche Haltung ist, dass das Team vom Mars kommt und das hier
auf der Erde ALLES nicht kennt. Entsprechend hinterfragt es scheinbare Normalitäten
und Selbstverständlichkeiten interessiert und ggf. penetrant. Ziel von
Mars TV ist, herrschende Diskurse als widersprüchlich/gefährlich/ausgrenzend
usw. oder die herrschende Ordnung und ihre Repräsentant_innen als lächerlich
zu entlarven. Toll daran ist: Jede Frage transportiert auch einen Inhalt, wenn
der Fokus nämlich auf eine im Alltag nicht/wenig beachtete Stelle gelenkt
wird. Emanzipatorische Inhalte können in Ausnahmefällen auch explizit
angeführt werden (z.B. "Nach unseren Recherchen ist es auf der Erde
so, dass...") - das Interview sollte aber nicht zu "belehrungslastig"
sein.
Die Moderator_innen schauen immer wieder durch den Bildschirm zum Publikum,
um mit diesem auch optisch im Kontakt zu bleiben. Sie wechseln sich ab (z.B.
wenn eine merkt, dass die andere gerade nicht weiter kommt oder nicht mehr kann/mag).
Dabei bestimmen sie den Gesprächsverlauf. Unterbrechungen sind erlaubt
und manchmal erforderlich (Leute sollen ja keine Bühne bekommen, antiemanzipatorische
Politik zu machen, d.h. bestehende Herrschaftsdiskurse einfach plump zu reproduzieren).
Die Moderator_innen versuchen, Tempo in den Interviews zu halten. Entsprechend
sollten die Interviewsequenzen kurz gehalten werden, z.B. indem die Moderator_innen
ein Stichwort einer Interviewten aufgreifen, um damit ansatzlos auf eine nächste
Passant_in zuzugehen und diese damit weiter zu interviewen.
Als unverzichtbar hat es sich erwiesen, die Knackpunkte im Diskurs, die problematisiert
werden sollen, vorher zusammenzutragen. Auch sollten mögliche Gesprächsverläufe
(Frage/Antwort) mal durchgespielt werden. Hilfreich ist auch, einen Ausstieg
für jede (heikle) Situation parat zu haben, um das Gespräch an jeder
beliebigen Stelle unterbrechen zu können (z.B. "Oh, ich höre
gerade von der Redaktion, dass wir zurück ans Studio geben müssen.
Schalten sie wieder ein, wenn...").
Ausgewähltes Interviewthema: Bevölkerungspolitik
Auch in der BRD wird seit einiger Zeit Bevölkerungspolitik wieder explizit
betrieben. In der diese Politik begleitenden öffentlichen Debatte ist anscheinend
klar, wer Kinder bekommen soll: Deutsche Akademikerinnen. Offenbar spielen also
unterschiedliche Differenzkategorien eine Rolle. Es wird mit Konstrukten wie
Volk, Geschlecht, Sexualität, Klasse, Alter etc. gearbeitet, die nicht
nur nebeneinander auftauchen, sondern anscheinend ineinander greifen und sich
gegenseitig plausibilisieren. Da diese Konstrukte gemeinhin als mehr oder weniger
unveränderlich gelten, kann ein Schritt zur Abwicklung der damit einhergehenden
Herrschaftsverhältnisse sein, sie als Produkte sozialer Prozesse zu entlarven.
Die Antwort Einzelner auf die vermeintlich ganz persönliche Frage: „Will
ich Kinder bekommen?“ ist wesentlich vom Denken in diesen verschiedenen
herrschaftsförmigen Differenzkategorien und der darauf aufbauenden Politik
abhängig.
Mars-TV bietet sich als Aktionsform an, unhinterfragte Kategorien sichtbar zu
machen und Widersprüche in der herrschenden Ordnung aufzuzeigen. Um Intersektionalität
thematisieren zu können, bedarf es eines Themas, in dem mehrere herrschaftsförmige
Differenzkategorien eine Rolle spielen. Die Bevölkerungspolitik erscheint
als geeignet, da sie voll von hinterfragbaren Prämissen steckt [2]. So
wird im völkischen Diskurs über die Überfremdung und die Fertilitätsraten
mit Begriffen wie Nation, Volk, Ausländer etc. gearbeitet. Zugleich werden
verheiratete heterosexuelle Paare finanziell bessergestellt. Der Zugriff auf
den weiblichen Körper erscheint selbstverständlich, besserverdienende
Akademiker_innen werden durch Freibeträge stärker zum Kinder kriegen
animiert als bspw. Erwerbslose. Verhütung wird je nach Religionszugehörigkeit
und Milieu unterschiedlich stark tabuisiert und Sexualaufklärung hängt
direkt mit dem Bildungsniveau zusammen. Die Frage, wer Kinder bekommen will,
kann, darf und soll - und wer nicht, wird also von zahlreichen herrschaftsförmigen
Kategorisierungen beeinflusst.
Durchführung
Das Seminar bestand aus 4 Teilen:
1. Einführung in die Aktionsform
Mars-TV wurde im Plenum erklärt und anhand eines kurzen Beispielfilms veranschaulicht.
Dabei wurde besonders auf die Perspektive der radikalen Naivität eingegangen.
Zuerst wurde die Idee vorgestellt und dann die konkrete Umsetzung dargestellt.
2. Einführung in die inhaltliche Thematik
Das Thema „Bevölkerungspolitik und Kinder kriegen“ wurde zuerst
im Plenum eingeführt und dann in Kleingruppen anhand eines kurzen Textes
vertieft. Dabei ging es weniger um inhaltliche Genauigkeiten, sondern eher um
Gesprächsstrategien, um das Thema in seiner intersektionalen Perspektive
herauszuarbeiten. Teilweise wurden bereits Interviewszenen geprobt.
3. Durchführung der Aktion
Die Aktion wurde von drei Mars TV-Teams parallel durchgeführt. Dabei wurde
auf den Einsatz eines Verstärkers verzichtet. Die Teilnehmer_innen wechselten
sich mit den unterschiedlichen Rollen ab. Als Ort wurde von zwei Teams der Dammtor-Bahnhof
gewählt und von einem Team das direkt angrenzende Viertel am Campus (Grindelhof).
4. Auswertung
In der Auswertung, die zunächst in den Kleingruppen und anschließend
im Plenum erfolgte, wurden Fragen aufgeworfen, inwiefern Herrschaftsformen thematisiert
wurden und welche Rolle in den Interviews deren Zusammenwirken spielte.
Ergebnisse
Zunächst einmal sei an dieser Stelle angemerkt, dass die einzelnen Kleingruppen
recht verschieden vorgegangen sind und somit auch zu unterschiedlichen Ergebnissen
gekommen sind. Die Teilnehmenden waren sich weitgehend darin einig, dass mit
der Aktionsform Mars-TV einzelne Herrschaftsverhältnisse sehr deutlich
gezeigt werden konnten. Das Zusammenwirken dieser Herrschaftsverhältnisse
im Sinne von Intersektionalität konnte allerdings seltener in den Interviews
herausgearbeitet werden. Dafür wären eine intensivere und längere
Vorbereitung und ein sehr konzentriertes Vorgehen auf der Straße notwendig
gewesen. Inwiefern Kategorisierungen dekonstruiert werden konnten, darüber
waren sich die Teilnehmenden uneinig. Auch die Frage, ob und inwiefern die Aktionsform
aufgrund der instrumentell lenkenden Position der Interviewer_innen selbst herrschaftsförmig
ist, wurde von den Teilnehmenden unterschiedlich beantwortet.
Es wurde problematisiert, wie es zu vermeiden sei, den Passant_innen möglicherweise
zu nahe zu treten, indem persönliche Dinge wie ein Kinderwunsch auf verletzende
Art angesprochen werden. Die Möglichkeit, die Interviewten zu verletzen,
wurde als heikel gesehen, wo doch beabsichtigt war, sie allenfalls zu irritieren
oder aufzuregen und dadurch zum Nachdenken anzuregen.
Es wurde diskutiert, inwieweit die Aktion auf die Ausführenden selbst zurückwirkt
und sie in der Vorbereitung und der Durchführung neue Erkenntnisse bzw.
größere Klarheit über ihr eigenes Denken und Handeln erreichen.
Es wurde überlegt, ob im Mittelpunkt einer solchen Aktion mehr die direkte
Einflussnahme auf die Passanten oder eine indirekte Beeinflussung durch die
Bewusstmachung von Denkweisen steht.
Anhand der angestrebten Einflussnahme und der Asymmetrie im Verhältnis
zwischen Interviewer_in und Interviewten wurde die Abgrenzung und das Verhältnis
zwischen den Begriffen Macht und Herrschaft diskutiert, welche im Hinblick auf
Herrschaftskritik als wichtig angesehen wurde. Durchweg wurde angenommen, dass
durch eine konkrete Aktion mit Menschen in der Öffentlichkeit Wirkungen
und Erkenntnisse zu erzielen sind, die mit rein akademischen Mitteln nur schwer
erreichbar scheinen oder gar über sie hinausgehen, wobei die Aktionen in
beide Richtungen wirken, sowohl auf die Ausführenden, als auch auf die
damit konfrontierte Öffentlichkeit.
Einzelne Teilnehmer_innen thematisierten auch die Diskrepanz zwischen Anspruch
und angestrebter Herrschaftsfreiheit auf der einen und dem tatsächlichen
praktischen Verhalten der Teilnehmer_innen auf der anderen Seite im Hinblick
auf nationale und geschlechtliche Stereotype, die im Umgang miteinander und
mit den Passanten bei der Aktionsvorbereitung und Durchführung dann doch
zu Tage traten.
[1] Zum konkreten methodischen Vorgehen bei Mars TV [PDF]
[2] http://www.schoener-leben-goettingen.de/Materialien/Publikationen/PDF/kinderflugi_tf3.pdf
http://www.schoener-leben-goettingen.de/Materialien/Publikationen/PDF/Schulz-FlugiA5.pdf