Beitrag
in Form eines Interviews, abgedruckt in der Zeitschrift des Basisdemokratischen
Bündnis an der Uni Göttingen
("Zusammenhang", Nr. 20, Mai 2009)
Lilli engagiert sich schon seit längerem für und in NutzerInnen-Gemeinschaften.
Wir haben sie gebeten, uns ein wenig über diesen gratisökonomischen
Ansatz und ihre Erfahrungen damit in Göttingen zu berichten.
Schöner Leben Göttingen (SLG): Bei der Verabredung zu diesem
Gespräch hast Du fünf scheinbar wichtige Begriffe genannt: Keimformen,
Gratisökonomie, Nutzigem, whopools und poolya. Damit wir den Überblick
behalten: Kannst Du bitte zunächst kurz sagen, was sich hinter diesen Begriffen
verbirgt?
Lilli: Eine Sache ist schnell erklärt: Nutzigem ist einfach eine Abkürzung
für NutzerInnen-Gemeinschaft. In Nutzigems schließen sich Menschen
zusammen, um sich Fertigkeiten, das Wissen oder materielle Dinge der Einzelnen
gegenseitig zur Verfügung zu stellen. Tausch, Geld oder Gewinn sollen dabei
keine Rolle spielen. Vielmehr wird versucht, ohnehin vorhandene Ressourcen direkt
zur Bedürfnisbefriedigung zu nutzen. Dazu wird in Nutzigems bekannt gemacht,
über welche Ressourcen die Einzelnen verfügen. Wer etwas braucht,
kann dann gezielt dort anfragen. Nutzigems sind übrigens, anders als z.B.
Familie und Nationalität, Wahlgemeinschaften.
Unter dem Begriff Gratisökonomie werden alle möglichen Ansätze
und Projekte zusammengefasst, die nach Wegen suchen, wie ein an Bedürfnissen
ausgerichtetes Wirtschaften etabliert werden kann. Bedürfnisorientierung
statt Profitorientierung bedeutet in der Konsequenz, auf Geld oder andere Tauschmittel
so weit als möglich zu verzichten. Daher der Begriff „Gratis“ökonomie
. Es geht um den weitestgehenden Bruch mit unserem bisherigen Wirtschaftssystem,
der kapitalistischen Warenökonomie. In Göttingen gibt es eine Reihe
von Projekten mit gratisökonomischem Ansatz. Neben den Nutzigems sind das
z.B. der Umsonstladen oder die Soli-Küche.
Die Sache mit den Keimformen ist etwas vertrackter. Allgemein werden ja Veränderungen
der bestehenden Verhältnisse hin zu einem Leben ohne Ausbeutung, Unterdrückung
und Ausgrenzung, ohne Disziplinierung, Hierarchien und Normzwänge nicht
nur in der Ökonomie gesucht. Neben gratisökonomischen Projekten gibt
es noch viele andere, in denen Prinzipien des guten Lebens, wie z.B. die Organisierung
von Freiräumen, schon heute erprobt werden. Aber auch zu Themen wie Reisen/Bewegung/Aufenthalt
oder Identität gibt es Keimformen. Die Erwartung ist, dass solche Keimform-Projekte
wachsen können und so dazu beitragen, Gesellschaft im herrschaftskritischen
Sinne umzugestalten.
SLG: Sind Keimformen also die passende Antwort auf die aktuelle Krise?
Lilli: Jein. Ja, denn sie können gerade auch in Krisenzeiten konkrete Angebote
sein, um mit den teilweise beschissenen Lebensverhältnissen besser bzw.
überhaupt zurecht zu kommen. Nein, denn dem momentanen Krisenprozess kann
nicht nur mit dem Aufbau neuer Strukturen begegnet werden. Jetzt muss es auch
darum gehen, die bei den Menschen vorhandene Wut auf die Straße zu bringen
und die immer schon überfällige Umverteilung von oben nach unten voranzubringen.
Widerstand erhält und schafft Freiräume – auch für den
Aufbau von Keimformen. Was ich aber nochmal zusammen fassen wollte: Nutzigems
sind also ein Beispiel für Gratisökonomie-Projekte, die ihrerseits
unter gewissen Umständen zu Keimformen für eine emanzipatorische Gesellschaft
gezählt werden können. Zu welchen Begriffen sollte ich jetzt noch
etwas sagen?
SLG: Whopools und poolya.
Lilli: Ach ja, jetzt wird es praktisch. Die Seite www.whopools.net bietet nämlich
die Möglichkeit, sich im Internet zu Nutzigems zusammen zu schließen.
Ohne Tausch und auf der Grundlage individueller Vereinbarungen. Die Vorteile
dieser internetgestützten NutzerInnen-Gemeinschaften liegen auf der Hand:
Der Zugriff auf große Datenbanken und ausführliche Beschreibungen
der Dinge, Fertigkeiten usw. sind möglich. Eine praktische Suchefunktion
soll einladen, Gratisökonomie attraktiv in den Alltag zu integrieren. Die
Software von whopools.net ist übrigens Opensource. Ideengeber und Programmiererinnen
werden laufend gesucht, um die Funktionen der Seite gemeinsam weiterzuentwickeln.
SLG: Was muss ich denn machen, wenn ich auf die Seite von whopools.net komme?
Lilli: Die Bedienung der Seite ist mittlerweile recht übersichtlich.Wer
sich eingeloggt hat, kann eigene Dinge, Fertigkeiten, Räume und eigenes
Wissen in eine persönliche Datenbank eingeben. Mit diesen eigenen Ressourcen
im Gepäck kann dann entweder bereits bestehenden Nutzigems beigetreten
werden. Oder es lassen sich bei whopools.net auch ganz einfach neue Nutzigems
gründen. Eine Suchfunktion macht dann möglich, um was es bei Nutzigems
geht: Bei Bedarf benötigte Dinge, Fertigkeiten, Wissen usw. in den Ressourcen-Pools
der Nutzigems finden, um dann bei der jeweiligen Nutzi direkt über die
Software, per Mail oder Telefon anfragen zu können.
SLG: Eine Zwischenfrage: Das geht einfach so? Ich frage und dann bekomme ich,
was ich gerade haben möchte?
Lilli: Nicht ganz. Denn Nutzigems basieren auf dem Prinzip, dass letztlich immer
zwei Personen die genauen Umstände ihrer Kooperation verhandeln. Prinzipien
wie Freiwilligkeit und Selbstbestimmung sind da ganz wichtig. Ressource anbietende
und suchende Person müssen sich bei jeder Anfrage schon unmittelbar einigen.
Wie lange wird die Ressource zur Verfügung gestellt bzw. ausgeliehen? Was
muss die anfragende Person beisteuern, wenn sie die Ressource effektiv nutzen
möchte? Solche Absprachen sind insbesondere wichtig, wenn die Ressourcen-Verfügerin
sich noch absichern möchte, d.h. nicht bedingungslos gleich allen alles
zur Verfügung stellt. Und der Nutzer ist gefordert, mit den ihm anvertrauten
Ressourcen verantwortungsvoll umzugehen und getroffene Absprachen verbindlich
einzuhalten.
SLG: Was sind denn das für Nutzigems, die sich bei whopools.net organisieren?
Lilli: Bei whopools.net sind bereits zahlreiche öffentliche Nutzigems im
Aufbau, aber auch solche, wo eine Teilnahme erst angefragt werden muss. Es finden
sich Nutzigems mit regionaler Begrenzung, überregionaler Vernetzung oder
auch für spezielle Ressourcen. Beispiele sind dezentrale Bibliotheken/
Mediatheken, die aber trotzdem räumlich beschränkt sind, so z.B. auf
Osnabrück oder Trier/Koblenz. Automatisch ist jeder und jede, die sich
bei whopools.net anmeldet, Mitglied in der Gesamt-Nutzigem. Wer möchte,
findet in Münster oder Braunschweig Übernachtungsmöglichkeiten.
Jemand bietet jede Art von Handwerk an, ein anderer die kurzfristige Pflege
behinderter Menschen. Lernen lässt sich, Eiskrem herzustellen, Bücher
zu binden oder zu verstehen, „was die Ärzte eigentlich sagen wollen“.
SLG: Da braucht es sicherlich ganz schön Phantasie, um überhaupt herauszubekommen,
was meine persönlichen Ressourcen sind, die andere interessieren könnten.
Lilli: Nutzigem-Neulinge sind bei der Zusammenstellung ihrer Ressourcen-Datenbank
tatsächlich oft noch von den herrschenden Zuständen betäubt.
Anfangs fehlt der Blick dafür, was sich für andere als Ressource erweisen
könnte. Bücher, CDs, Fahrradtaschen und der Wok sind schnell aufgelistet.
Doch könnte nicht auch der Laptop, das Auto oder der Werkzeugkeller zeitweilig
zur Verfügung gestellt werden? Und was ist mit den Fertigkeiten, gut Chemie-Schulstoff
erklären, für 40 Leute leckeres Essen kochen, komplizierte Behördenschreiben
verstehen oder schrottige Fahrräder reparieren zu können? Und könnte
die reine Körperkraft – beispielsweise für Umzüge –
für manche nicht auch interessant sein? Vielleicht soll eine Showeinlage
für ein Fest vorbereitet oder ein Kirschbaum gepflanzt werden... Ich selbst
habe da einfach ein paar FreundInnen gefragt, welche Ressourcen sie bei mir
sehen.
SLG: So hört sich die Zusammenstellung der eigenen Ressourcen ganz leicht
an. Irgendwo zwischen Detektivarbeit und Selbstreflexion.
Lilli: Tja, der Ressourcenpool einer Nutzigem wird allerdings nicht von allein
größer. Vorausgesetzt ist immer die Bereitschaft der teilnehmenden
NutzerInnen, etwas von ihren zunächst persönlichen Möglichkeiten
zur Verfügung zu stellen. Das betrifft auch Dinge, die viel Geld kosten.
Hier muss jede und jeder einfach selbst abwägen. Die Vielfalt der angebotenen
Ressourcen in einer Nutzigem resultiert letztlich daraus, dass diese zwar von
einzelnen Nutzis beherbergt werden. Sie werden aber nicht unnötig privatisiert,
da sie ja auch für andere zugänglich und verfügbar gehalten werden.
Erwirbt oder lernt eine Nutzerin etwas neu, verschwindet das nicht hinter ihrer
Wohnungstür oder in ihrem Kopf. Einmal in die Internet gestützte Datenbank
aufgenommen, sind diese Ressourcen für die anderen Nutzer und Nutzerinnen
nur einen Mouse-Klick und Telefonanruf entfernt.
SLG: Um das mit den Begriffen nochmal abzuschließen: Was ist denn nun
poolya?
Lilli: Hier in Göttingen sind bereits mehrere Nutzigems, die sich über
whopools.net organisieren. Eine, die gern wachsen möchte, ist poolya.gö.
Kann ich zum Mitmachen nur empfehlen!
SLG: Du hast vorhin ganz selbstverständlich davon gesprochen, dass bei
Gratisökonomie-Projekten oder allgemein Keimformen ein Bruch mit dem Kapitalismus
gesucht wird. In diesem Zusammenhang solle auf Geld oder andere Tauschmittel
verzichtet werden. Kannst Du dazu noch was sagen?
Lilli: Dazu gibt es ja viele Meter Literatur. Auf eine lesenswerte Broschüre
möchte ich hier aber hinweisen: „Herrschaftsfrei wirtschaften“
aus der Heftreihe „fragend voran...“. Gibt’s selbstverständlich
im Roten Buchladen zu kaufen – oder in der Präsenzbibliothek im Autonomicum
zu lesen, dem Freiraumcafé im Blauen Turm. So, jetzt ist der Werbeblock
vorbei. Der Kapitalismus hat unbestritten gegenüber Wirtschaftsformen wie
Sklaverei erhebliche Vorteile. Aber die Aufgabe, allen Menschen ein gutes Leben
zu ermöglichen, indem sie über ihre Lebensbedingungen selbst verfügen,
ist mit diesem System offenbar nicht lösbar. Das kann theoretisch gezeigt
werden, da z.B. Abhängigkeit, Ausbeutung, Konkurrenz, Zwänge, Krisen,
Gewalt usw. zum Kapitalismus unweigerlich dazu gehören. Das sind alles
keine schönen Sachen. Die Probleme mit dem Kapitalismus sind aber auch
im Alltag unübersehbar: Lebensmittel werden vernichtet, während täglich
zehntausende Menschen verhungern. Häuser stehen leer und Fabriken verloddern
ungenutzt, während Menschen obdachlos sind oder als Arbeitslose mit ALG
II am Existenzminimum gegängelt werden. Der Kapitalismus ist nicht in der
Lage, gesamtgesellschaftlich vorhandene Ressourcen unproblematisch und effektiv
für bedürftige Menschen zur Verfügung zu stellen. Denn das ist
auch gar nicht sein Zweck. Im Kapitalismus geht es darum – mal vereinfacht
gesagt – aus Geld mehr Geld zu machen. Dinge werden als Waren vornehmlich
für den Profit bringenden Tausch produziert. Auch Dienstleistungen, Ideen,
Leben usw. werden als Waren gehandelt. Genau an diesem Punkt setzen Nutzigems
an, wenn sie ein Wirtschaften jenseits der Logik „Du bekommst nur von
mir, wenn ich angemessen von Dir bekomme“ anbieten.
SLG: Noch einmal zurück zu den Nutzigems bei whopools.net. Wie sieht denn
das nun konkret aus? Machen da viele Leute mit, werden die Ressourcen-Pools
wirklich genutzt?
Lilli: Momentan habe ich den Eindruck, dass es noch etwas mau aussieht. Sowohl
was die Anzahl der Leute angeht, als auch die Zahl der angefragten Nutzungen.
SLG: Woran liegt das Deiner Meinung nach?
Lilli: Bei mir ist es z.B. so, dass der bekannte Weg über meinen Freundeskreis
in den meisten Fällen noch erfolgreich genug ist, wenn es darum geht, benötigte
Ressourcen schnell und zuverlässig zu organisieren. Das ist aber alles
eine Frage der Umstände: „Wie privilegiert bin ich, über welche
Ressourcen kann ich persönlich oder im Freundeskreis verfügen? Und
wie sehr will oder muss ich mich in gatisökonomischen Strukturen bewegen?“
Hinzu kommt, dass es immer einen sozialen Kraftaufwand bedeutet, Kontakt zu
einer möglicherweise fremden Person aufzunehmen und Unterstützung
anzufragen. Ich empfand diesen Punkt jedenfalls als kleine Herausforderung,
als ich mit Nutzigems angefangen habe. Aber solche Hürden gehören
dazu. Nutzigems, als Keimformen betrieben, sind eben ein Lernfeld.
SLG: Wie kann es denn nun weitergehen?
Lilli: Zunächst braucht es wohl die Kraft einer Kampagne, um die Nutzigem-Idee
zu verbreiten. Erst wenn mehr Menschen mitmachen und die Ressourcen-Pools wirklich
groß sind, kann whopools.net zu einer Art Alltagswerkzeug werden. Und
erst dann können wir sehen, was Nutzigems wirklich zum Aufbau gratisökonomischer
Strukturen beitragen können. Ich hoffe ja sehr, dass dann über whopools.net
auch Bedürfnisse bedient werden können, die eine komplexere Koordination
von Ressourcen erfordern. Es stellt sich ja z.B. die Frage, wie mittelfristig
auch so etwas wie Maschinen zum Produzieren in Ressourcen-Pools zur Verfügung
gestellt werden können. Denkbar wäre ja z.B. die Nutzung von Werkstätten,
Bäckereien und Großküchen an Wochenenden. Ich sehe da im Nutzigem-Konzept
die Möglichkeit angelegt, kleinschrittig und für die Beteiligten kontrollierbar
vorzugehen. Und Dienstleistungen und Wissen sind geradezu dafür gemacht,
sie in Nutzigems zur Verfügung zu stellen. Mit jedem in gratisökonomischen
Netzwerken befriedigten Bedürfnis sinkt dann ja die Abhängigkeit von
der kapitalistischen Warenökonomie. Damit könnte sich ganz allmählich
die Verhandlungsmacht der Lohnabhängigen vergrößern und weitere
Umverteilung zugunsten von Nutzungsgemeinschaften wäre möglich.
SLG: Entschuldige die direkte Frage. Aber ist das nicht ziemlich unrealistisch,
was Du da gerade erzählst?
Lilli: Nicht ganz. Ich wollte vor allem mal andeuten, was prinzipiell möglich
ist. Hier geht es ja nicht um ein Hobby oder so, sondern um einen Beitrag, unsere
Lebensbedingungen konkret zu verbessern. Und für mich sind Nutzigems ganz
klar ein politisches Projekt. Da braucht es ja bekanntlich einen langen Atem
und den gewissen utopischen Überschuss.
SLG: O.k. Gehen wir mal davon aus, dass Nutzigems wirklich wachsen. Wie ist
das dann mit dem Friseurladen, dem die Kundinnen und Kunden ausbleiben? Oder
was ist mit der Pflege? Da lacht sich der Staat doch ins Fäustchen, wenn
auf Initiative eines linken Projekts die reproduktiven Tätigkeiten wie
Erziehung, Pflege usw. ehrenamtlich erledigt werden.
Lilli: Mir ist schon klar, dass durch wachsende gratisökonomische Strukturen
letztlich Arbeitsplätze gefährdet sein können. Das ist auf gesellschaftlichem
Niveau ja so gewollt, auch wenn es individuell ganz klar eine Bedrohung darstellt
– zumindest zunächst. Und richtig, der Staat ist schon immer auf
unbezahlte Tätigkeit wie Haushaltsführung, Kindererziehung, Ehrenamt
im Sportverein usw. angewiesen. Für das Nutzigem-Projekt ist es daher wichtig,
nicht nur eine entlastende Lösung für den Alltag anbieten zu wollen
– auch wenn im Mittelpunkt die Bedürfnisse der Menschen stehen sollen.
Genauso kommt es darauf an, um die Nutzigem-Idee als Teil eines emanzipatorischen
Umwälzungsprozesses zu ringen. Kampflos wird sich Gratisökonomie letztlich
nicht durchsetzen lassen. Und wer weiß schon, welche Bedeutung sich zuspitzende
gesellschaftliche Zumutungen, Bedrohungen und Ausschlüsse auf der einen
Seite und die Antwort sozialer Bewegungen auf der anderen Seite haben für
das Wachsen gratisökonomischer Strukturen. Whopools jedenfalls steht in
den Startlöchern.
SLG: Dann dürfen wir gespannt sein, wie es mit NutzerInnen-Gemeinschaften
in Göttingen weitergeht. Vielen Dank für das Gespräch.
Lilli: Gerne.