Aufruftext,
veröffentlicht in der Kampagnen-Zeitung "Arbeit oder Leben - Heißer
Herbst gegen Armut und Arbeitszwang", Göttingen, 16. - 30. Oktober
2004, S. 12f
Vor wenigen Wochen ging es erstmals durch die Medien: Mit den Inkrafttreten
von Hartz IV am 01.01.05 befürchten die Innenministerien und die Agenturen
für Arbeit eine zunehmende Gewaltbereitschaft der BezieherInnen von ALG
II gegenüber dem Arbeitsamt. Die SachbearbeiterInnen sollen sich nun mit
Selbstverteidigungskursen gegen Übergriffe vorbereiten, und die Polizei
stellt sich darauf ein, im neuen Jahr bei Bedarf Objekt- und Personenschutz
am Arbeitsamt zu stellen.
Mal wieder nichts Neues
Was ist passiert? Eigentlich nichts Neues. Die Bundesregierung verfolgt weiter
ihren neoliberalen Kurs. Wie bisher wird mit dem Scheinargument leerer Kassen
die existentielle Bedrohung von Menschen vorangetrieben. Weiterhin wird behauptet,
dass der Segen jeder und jedes Einzelnen darin läge, mehr und länger
zu arbeiten, egal was, wo und zu welchen Bedingungen. Immer noch wird mit der
Auffassung kokettiert, dass jede ihres eigenen Glückes SchmiedIn sei und
man bei entsprechender Leistungsbereitschaft auch sicher ein Stück abbekommen
vom großen Kuchen.
Und auch nicht neu ist die entsprechende Begleitmusik: das Gehetze gegen diejenigen,
die sich aus welchen Gründen auch immer nicht in einem geregelten Arbeitsverhältnis
befinden. Sie werden als unflexible FaulenzerInnen dargestellt, denen ein bisschen
mehr sozialer Druck nie schaden kann.
Obwohl da bei näherem Hinsehen also nichts grundsätzlich Neues zu
entdecken ist, wäre es doch fatal und ignorant, sich gegen die derzeit
stattfindenden Einschnitte nicht mehr denn je zu wehren. Denn die neuen Schikanen,
mit denen die Agenda 2010 und mit ihr Hartz IV vielen Menschen auf die Pelle
rückt, stellen soziale Rechte, die bislang zumindest für einen großen
Teil der Menschen in Deutschland selbstverständlich waren, grundlegend
in Frage. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum wird für viele nochmals
drastisch eingeschränkt, immer mehr Menschen wird sie ganz verwehrt. Durch
die offensive Demontage sozialstaatlicher „Sicherungssysteme“ wird
das Gefühl von sozialer Sicherheit zunehmend zur Seltenheit. Das Bedürfnis
oder gar die Forderung nach einer Grundversorgung zur im wahrsten Worte „unverdienten“
Bettelei Überflüssiger abgestempelt.
Diese aktuellen Einschnitte wecken nun die Wut vieler Menschen. Und dabei geraten
Institutionen wie das Arbeitsamt ins Visier des Protests, an denen bislang zumindest
offener Widerstand kaum stattgefunden hat.
Wut und gut?
Wie lange die Wut über diese Zumutungen anhält und wann sich die von
den Kürzungen Betroffenen an ihre neuen Lebensbedingungen gewöhnt
haben werden, lässt sich nicht vorhersagen. Fest steht aber: dass wir die
aktuelle Unzufriedenheit vieler aufgreifen und gemeinsam in einen emanzipatorischen
Prozess treten wollen.
Denn Wut lenkt das Augenmerk auf Zumutungen und Einschränkungen, denen
Menschen ausgesetzt sind. Deshalb sollten wir sie ernst nehmen. Vorschnelle
Beschwichtigungen, die mit Verweis auf einen Mangel an Alternativen versuchen,
daraus resultierenden Protest klein zu reden oder gleich zu delegitimieren,
sind da völlig fehl am Platz.
Genauso problematisch ist es auf der anderen Seite aber auch, jede Form von
Wut und Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen unhinterfragt als wünschenswertes
widerständiges Verhalten zu betrachten und sich uneingeschränkt zu
solidarisieren. Denn auf der Suche nach dem Anlass der eigenen Wut bzw. Beim
Nachdenken über Alternativen liegt es leider – und dies zeigt sich
bei den derzeitigen Protesten gegen die Agenda 2010 mal wieder deutlich –
allzu nahe, auf das nächstbeste Schema zurückzugreifen, das seine
Erklärung für die eigene Misere bietet. Und damit kann man nicht nur
falsch liegen, sondern das hat nicht selten auch gefährliche Konsequenzen.
Augen auf im Straßenkampf
„Wer nichts leistet, soll auch nichts bekommen“, so eine typische
Hardliner-Position bei der Durchsetzung der Hartz-Gesetze. Gegen derartige unmenschliche
Parolen lässt es sich noch leicht gemeinsam und solidarisch auf die Strasse
gehen. Das ist auch notwendig und sinnvoll. Den schon durchgesetzten und noch
geplanten Gesetzesvorhaben, viele Menschen noch weiter an den Rand der Gesellschaft
zu treiben, ihnen immer weniger Möglichkeiten zu bieten, am gesellschaftlichen
Reichtum teilzuhaben, stellen wir uns entgegen.
Für eine emanzipatorische Kritik an der Agenda 2010 ist es aber zwingend
notwendig, in einen politischen Austausch darüber zu treten, was denn da
genau bekämpft bzw. Wie denn das auch anders gehen könnte. Und spätestens
an diesem Punkt werden die unterschiedlichen Stoßrichtungen des Protests
und die sich zum Teil unversöhnlich entgegenstehenden Vorstellungen unübersehbar.
Relativ schnell ins Auge fällt da die absolute Unvereinbarkeit solidarischer
Politik mit nationalistischen Positionen, wie die der NPD & Co. Dass für
eine emanzipatorische Politik die soziale Teilhabe ALLER Menschen am gesellschaftlichen
Reichtum das Ziel ist und sich eine solche Politik mit rassistischen und deutschnationalen
Parolen nicht im Ansatz vereinbaren lässt, ist selbstredend.
Problematischer wird es dann bei sozialen Protestformen, die man als klassische
Abwehrkämpfe bezeichnen kann. Wenn etwa Gewerkschaften die Erhöhung
oder heute auch nur die Nicht-Senkung von Löhnen fordern oder diverse Sozialverbände
geplante Kürzungen verhindern wollen, dann sind wir an einem altbekannten
Dilemma angelangt. Diese sozialen Kämpfe, da sie soziale Rechte einfordern
oder aufrechterhalten. Sie können, wenn sie erfolgreich geführt werden,
Handlungsspielräume von Menschen erweitern, in denen dann Raum für
weitere Kritik entstehen kann. Aber eben auch nur kann, und deshalb ist es nicht
nur unzureichend, unsere Politik auf diese Abwehrkämpfe zu beschränken.
Aus emanzipatorischer Sicht ist es vielmehr zwingend notwendig, diese Kämpfe
immer über das „Abwehren“ hinaus zu erweitern.
Eine emanzipatorische Kritik an Hartz und der Agenda stellt fortwährend
auch deren allgemeine Prinzipien grundlegend in Frage. Es geht nicht nur darum,
einen höheren Satz der Sozialleistungen zu fordern, sondern immer auch
darum, das allen sozialstaatlichen Regelungen zugrunde liegende Muster selbst
zu kritisieren. Das Prinzip, dass mir die Sozialgesetzgebung im Rahmen einer
ökonomischen Sachzwangargumentation vorschreibt, welche Leistungen mir
zustehen, welche Bedürfnisse ich haben darf und wo die Grenze überschritten
ist, dieses Prinzip selbst muss angegriffen und diskreditiert werden. Denn wir
kann eine Gesellschaft vernünftigerweise begründen, dass sich Menschen
mehr denn je einschränken und mit weniger zufrieden sein müssen, wenn
doch gleichzeitig die Fähigkeit ständig steigt, mit immer geringerem
Aufwand immer mehr Güter zu produzieren? Wie kann eine Gesellschaft begründen,
dass den Menschen, die aus dem Verwertungsprozess heraus gefallen sind, vorgeschrieben
werden kann, worauf sie einen Anspruch haben und worauf nicht? Das ist die eigentliche
Unverschämtheit.
„Die anderen haben völlig unverdient mehr als wir“. „In
Berlin müssen nur mal die richtigen Leute ran“. Mit solchen Bekundungen
fährt eine Kritik notwendigerweise früher als uns lieb ist an die
Wand. Verweilt man mit der eigenen Politik im Rahmen der bestehenden ökonomischen
und parlamentarischen Argumentation, kann man aufgemachten Sachzwängen,
Standortparolen und angeblichen Marktzwängen nichts mehr entgegensetzen
als das Bitten um einen Aufschub oder einen möglichst milden und langsamen
Abbau sozialer Sicherungssysteme.
Vor nichts und niemandem Halt machen
Eine weiterreichende Kritik an den vorherrschenden Verhältnissen stellt
also nicht nur aktuelle Umstrukturierungen des Sozialstaates in Frage, sondern
richtet sich generell gegen die Art und Weise, wie diese Gesellschaft organisiert
und strukturiert ist. Und so kann es auch passieren, dass wir mitten im Protest
gegen Hartz IV und die dem zugrunde liegenden Prinzipien entdecken, dass sich
die Wut nicht nur berechtigter Weise gegen die Leute richtet, die durch ihre
Pöstchen gerade mächtiger sind als andere, Wir werden nicht umhin
kommen, uns einzugestehen, dass wir und letztlich auch selbst ein wenig im Wege
stehen, wenn es um umfassende Lösungsversuche für die anstehenden
Probleme geht. Die Schere verläuft eben nicht nur zwischen oben und unten,
sondern auch mitten durch uns durch.
Das haben wir uns vielleicht nicht ausgesucht, trotzdem sind wir mittendrin
statt nur dabei. Ob mehr oder weniger gezwungen beim Bezahlen des Einkaufs oder
irgendwie eher „freiwillig“ beim sich gegenseitig an bestimmten
Leistungen Messen oder drüber Nachdenken, ob denn die Lehrerin von nebenan
ihr Gehalt und ihren sicheren Arbeitsplatz auch wirklich verdient hat. Von dem
Künstler, der den ganzen Tag nichts anderes macht, als leere Plastikbehälter
aneinander zu kleben und damit auch noch reich, schön und berühmt
wird, ganz zu schweigen. Dieses Vergleichen und anhand solcher Vergleiche sowohl
Dingen als auch Menschen einen bestimmten Wert beizumessen, das sich zu anderen
in Konkurrenz Setzen, scheint wie eingebrannt in unseren Körper und steht
uns wie eine Mauer gegenüber – viel stabiler als jeder Kabinettsbeschluss.
Es geht also darum, die gesellschaftlichen Verhältnisse in Frage zu stellen,
die uns zwingen zu tun, was wir tun. Da wir es jedoch immer auch selber sind,
die diese Verhältnisse hervorbringen, geht diese Kritik nicht nur nach
außen, sondern auch an uns selbst. Aktuell ist natürlich Widerstand
angesagt und der richtet sich selbstverständlich gegen die Institutionen,
die uns das Leben schwer machen. Jedoch darf darüber nie aus dem Blick
geraten, dass diese Institutionen Ausdruck der Verhältnisse sind, in denen
wir leben und die wir tagtäglich mit produzieren.
Das Arbeitsamt ist überall
In diesen Tagen kommt es darauf an, die Wut in emanzipatorischen Widerstand
zu wenden. Es kommt darauf an, gemeinsam die notwendigen Abwehrkämpfe zu
organisieren, mehr zu werden und andere in die Widerstandshandlungen einzubeziehen.
Es kommt auch darauf an, statt bloßen Appellen an die da oben Breschen
in die eigene Verstricktheit zu schlagen und die Dinge solidarisch selbst in
die Hand zu nehmen. Es kommt darauf an, neue Wege zu gehen, die das fremdbestimmte
Leben nach und nach hinter uns lassen.
Widerstand am Arbeitsamt bedeutet für uns also den Versuch, sowohl die
eklatanten Einschnitte in das Leben vieler Menschen zu verhindern und für
die konkrete Verbesserung der Lebensbedingungen von ALLEN einzutreten. Dabei
gleichzeitig aber auch immer wieder den Versuch zu unternehmen, unsere Kritik
und Vorstellungen über diese Abwehrkämpfe hinaus zu formulieren und
in die politische Auseinandersetzung mit anderen einzubringen.
Das Arbeitsamt ist ein geeigneter Ort, um der aktuellen Unzufriedenheit und
Wut Ausdruck zu verleihen. Dabei liegt es auf der Hand, dass nicht die SachbearbeiterInnen
Ziel der Aktionen sein dürfen – es sei denn, sie nutzen ihre Spielräume,
um bewusst Menschen zu schikanieren. Es liegt auch auf der Hand, dass ein Arbeitsamtgebäude
die politisch verordnete Zwangsarbeit nicht abschaffen kann – als Symbol
des Protests ist es aber wie andere Orte der Verwaltung von Ausgrenzung und
Einschränkung geeignet. Und zugegebenermaßen liegt es auch auf der
Hand, dass durch eine Rallye allein die Welt und damit auch wir nicht grundlegend
umgekrempelt werden – aber immerhin wissen wir, dass dies entweder nur
in kleinen Schritten oder aber gar nicht geht.
Schöner leben jetzt!
Was: Widerstand am Arbeitsamt – eine Rallye für Alle!
Wann: Dienstag, 19.10.04, ab 9 Uhr
Wo: Vor dem Arbeitsamt (Bahnhofsallee 5)
www.schoener-leben-goettingen.de