Der Krieg im Irak ist beendet: "Mit Erleichterung" wird von antideutscher
Seite der erfolgreiche Ausgang des "ersten antifaschistischen Waffengangs
im neuen Jahrhundert" festgestellt und Bush als "Man of Peace"
bejubelt.
Trotz der Beendigung des Irak-Krieges haben sich antideutsche Positionen durchaus
nicht erledigt, im Gegenteil: An der "antideutschen Frage" spalten
sich derzeit verschiedene Gruppen und Teile der Linken in lange nicht mehr gekannter
Weise. Die Konfliktpunkte beziehen sich dabei bei weitem nicht nur auf den Irak-Krieg
oder den Israel-Palästina-Konflikt. Auch bezüglich des Stellenwertes
einer kapitalismuskritischen Gesellschaftsanalyse im politischen Handeln oder
im Hinblick auf das Verhältnis von Theorie und Praxis linker Politik im
Allgemeinen gehen die Meinungen auseinander.
Gerade deswegen erscheint uns eine - notwendigerweise innerlinke - Auseinandersetzung mit antideutschen Positionen sinnvoll und notwendig. Dieser Auseinandersetzung liegt zugrunde, dass wir zumindest grundsätzlich einige der antideutschen Anliegen durchaus teilen. Da wäre zum einen der antideutsche Verweis auf das Erstarken und die Beständigkeit von Antisemitismus in Politik und Gesellschaft Deutschlands, Resteuropas und in arabischen Ländern. Auch der Kampf gegen eine verkürzte Kapitalismus- und Imperialismuskritik, z.B. in der deutschen Friedensbewegung, sowie gegen den wiedererstarkenden deutschen Nationalismus ist uns gemein. Andere Aspekte der theoretischen Analyse teilen wir jedoch keinesfalls. Zudem halten wir auch die daraus entwickelte Politik für kontraproduktiv zum Erreichen dieser Ziele. Zwar ist uns klar, dass es "die Antideutschen" - d.h. eine einheitliche antideutsche Position - nicht gibt: Einige Argumentationsstränge, vertreten bspw. von Bahamas und dem Göttinger [a:ka], sind jedoch derzeit für Göttinger Diskussionen bestimmend - auf diese werden wir uns im folgenden beziehen.
Mit dem Beginn der sogenannten Al-Aksa-Intifada im Jahre 2000, spätestens
aber seit dem 11. September 2001, sind die Antideutschen aufgebrochen, die Werte
der westlichen Zivilisation bzw. die Zivilisation überhaupt vor der sogenannten
islamistischen Barbarei zu retten.
Kern antideutscher Ideologie ist die Kritik am Antisemitismus, der als wesentliches
und konstituierendes Merkmal des Islamismus gedeutet wird. Der islamistischen
Barbarei wird die Zivilisation resp. Moderne entgegengesetzt, die zumindest
das Bedürfnis nach individuellem Glück erzeuge, aufgrund ihrer kapitalistischen
Verfasstheit jedoch nicht in der Lage sei, diesem Bedürfnis Rechnung zu
tragen. Nach antideutscher Lesart enthält sie damit aber zumindest die
Möglichkeit eines emanzipatorischen Kampfes.
In den als barbarisch bezeichneten arabischen Gesellschaften werden emanzipatorische
Kämpfe jedoch für unmöglich gehalten, da in diesen die Selbstaufgabe
des Individuums zugunsten des Kollektivs gepredigt werde und damit einhergehend
"der Jude" resp. der jüdische Staat Israel als Feind projiziert
würde. Im Kampf gegen islamistische Kräfte sehen Antideutsche entsprechend
in den kapitalistischen Zentren, allen voran den USA, Verbündete, da sie
bei diesen ein Interesse und die Möglichkeit entdecken, arabische Gesellschaften
zumindest geistig zurück in die Moderne zu bomben. "Der Sieg über
das Baath-Regime und die jetzt mögliche pax americana bzw. pax britannica",
so kann die Bahamas in ihrer Jubel-Huldigung an Bush dann auch glückselig
eindimensional feststellen, "ist allerdings die alternativlose Voraussetzung
für jede menschliche, politische und ökonomische Verbesserung im Irak".
Die Argumentationen beruhen dabei oft eher auf dem inflationären Gebrauch
historischer Analogien denn auf begründeten Analysen: So wird die Entwicklung
des Irak in den 80er und 90er Jahren mit der Deutschlands in den 20er und 30er
Jahren verglichen, um schließlich die Besetzung Bagdads nach dem Ende
des Krieges mit dem Einmarsch der Alliierten in Berlin 1945 zu verwechseln.
Dem folgt ein Umkehrschluss, der sich auch bei antiamerikanischen deutschen
SpießbürgerInnen in ähnlicher Form wiederfindet: Sieht der deutsche
Amerikahasser im Unrecht der Bomben auf Bagdad auch ein Unrecht der Bomben auf
Dresden, so wird dem Antideutschen nun der berechtigte damalige Krieg gegen
Deutschland zur willkommenen Legitimation des Krieges gegen den Irak. Gemeinsam
ist beiden, durch falsche historische Analogieschlüsse eine konkrete Analyse
bereits im Ansatz zu entsorgen.
Die antideutsche Position zeichnet sich sowohl in ihrer Analyse des Antisemitismus
in arabischen Ländern als auch des Israel-Palästina-Konflikts durch
eine vereinheitlichende Weltsicht mit einem strengen Gut-Böse-Raster aus.
Der zentrale Punkt ist immer die Frage des Antisemitismus - ob innerhalb der
deutschen Linken oder politischen Gruppierungen in arabischen/muslimischen Ländern.
Widersprüche, die das Resultat der Verwobenheit unterschiedlicher Herrschaftsverhältnisse
sind, verschwinden.
Die arabische Welt und das Israel der Antideutschen sind Gebilde einer quasi
naturgegebenen Einheit. Während ansonsten zu Recht auf die Konstruiertheit
nationaler und völkischer Kategorien verwiesen wird, warnt die Bahamas
in diesem Fall, dass "falsche" Juden und Jüdinnen aus Osteuropa
mit erschlichenen Papieren' nach Israel einwandern. In der antideutschen
Logik sind "die" Muslime grundsätzlich antisemitisch, wie auch
"die" Israelis - von ultrarechten SiedlerInnen über Liberale
und bis hin zu Orthodoxen - in verblüffender Unterschiedslosigkeit eins
werden. Allein linken KritikerInnen der Besatzungspolitik wird bisweilen jüdischer
Selbsthass unterstellt, um sie rhetorisch aus der natürlichen' Einheit
entfernen zu können. 50 Jahre israelische Geschichte werden hier ausgerechnet
von denen, die meinen, die aufrechtesten FürsprecherInnen Israels zu sein,
vom Tisch gewischt.
Eine emanzipatorische Politik zeichnet sich jedoch unserer Meinung nach gerade
dadurch aus, starre schwarz-weiß Einteilungen zu überwinden und den
Blick für die Verwobenheit von Herrschaftsmechanismen zu schärfen.
Opfer können auch TäterInnen sein. In diesem Sinne existiert keine
"sichere Seite" und jeder Versuch, durch starre Kategorien "gut"
von "böse" zu trennen, verstellt den Blick auf eine Vielzahl
weiterer Ungerechtigkeiten und Herrschaftsverhältnisse, was insbesondere
die feministische Forschung der letzten Jahre gezeigt hat. Doch genau dafür
ist der Israeldiskurs der Antideutschen ein zentrales Beispiel. Die Einteilung
von Menschen in fixe Kategorien (Mann/Frau, schwarz/weiß, gesund/krank,
Jude/Palästinenserin) bildet vielmehr von jeher die Grundlage, auf der
Herrschaft überhaupt entstehen kann: Erst die naturalisierende Kategorienbildung
macht eine Hierarchisierung der Kategorien möglich. Emanzipatorische Politik
sollte diese Kategorien deshalb stets in Frage stellen und verwirren, statt
sie ohne Anbetracht der Folgen in einfachster Weise zu reproduzieren.
Eine begriffliche Dekonstruktion kann dabei immer nur ein erster Schritt sein,
um vermeintliche Normalitäten zu hinterfragen. Darüber hinaus muss
sich eine emanzipatorische Praxis stets mit den konkreten politischen Folgen
konstruierter Zuschreibungen und Kategorisierungen auseinandersetzen, da diese
das alltägliche Leben der Menschen bestimmen. Es soll also keineswegs bestritten
werden, dass eine gemeinsame Unterdrückungserfahrung aufgrund konstruierter
Identitäten faktische soziale Gruppen entstehen lässt, die über
gemeinsame Erfahrungen verfügen. So macht der weltweit verbreitete Antisemitismus
konkretes politisches Handeln notwendig, weshalb das Existenz Israels für
uns als "notwendiges Falsches" unabdingbar ist. Das Ziel ist jedoch
eine Welt, in der es eines Schutzraumes Staat' nicht mehr bedarf. Da das
staatliche Organisationsprinzip einem hierarchiefreien und selbstbestimmten
Zusammenleben grundsätzlich entgegensteht, ist der israelische Staat im
Sinne einer emanzipatorischen Praxis - wie alle anderen Staaten auch - perspektivisch
überflüssig zu machen. Dies wird jedoch voraussichtlich weder morgen
noch übermorgen der Fall sein. Deshalb muss in Anbetracht des sich weltweit
verschärfenden Antisemitismus die Existenz Israels, die anders als die
Existenz Deutschlands, Frankreichs, Kolumbiens oder Chinas permanent in Frage
gestellt wird, gegen ständige Anfeindungen verteidigt werden. Entscheidend
ist im Rahmen dessen, dass der politische Umgang mit der Tatsache, dass Menschen
aufgrund bestimmter Zuschreibungen verfolgt werden, nicht so weit geht, diese
Gruppe als "Volk" zu reproduzieren. Zwar wird dies auch von antideutscher
Seite natürlich explizit abgelehnt, faktisch zeigt jedoch das zuvor zitierte
Beispiel der vermeintlich falschen osteuropäischen JüdInnen, dass
der Weg von den "Verfolgten" zum "Volk" in der antideutschen
Rhetorik kurz ist.
Zudem führt der allein auf Antisemitismus gerichtete Blick der Antideutschen
zu einer Hierarchisierung von Unterdrückungsmechanismen und blendet manche
Herrschaftsverhältnisse im Zuge dessen sogar vollkommen aus. Der israelische
Angriff auf palästinensische Flüchtlingslager kann aus dieser Perspektive
ausschließlich als ein Verteidigungskampf von Bedrohten gesehen werden.
Einerseits ist er das zwar, doch andererseits wird er von zahlreichen Menschen
berechtigterweise auch als brutale Besatzungspolitik erlebt. Auch die Frage,
wo Widerstand gegen die israelische Besatzungsmacht aufhört und Antisemitismus
anfängt, ist in der Realität wesentlich schwerer zu beantworten, als
es die einfache Weltsicht der Antideutschen nahe legt. Interessant ist hier
zudem, dass die Antideutschen für den arabischen Raum einen radikalen Bruch
mit der eigenen materialistischen Analyse vollziehen: Der Antisemitismus wird
nicht mehr in Bezug zu den realen gesellschaftlichen Verhältnissen gesetzt,
sondern als Ideengut dem "Wesen" der PalästinenserInnen zugerechnet.
Der islamischen "Barbarei" wird das Bild einer westlichen "Zivilisation"
entgegengestellt. Diese wird ganz entgegen auch der sonstigen eigenen Analyse,
von jeglichen barbarischen Potenzen freigesprochen und soll mit den Ursachen
der Konflikte im Nahen Osten nichts mehr zu tun haben. Der Antisemitismus wird
so zum Zivilisationsbruch in der antideutschen Analyse und erscheint bezüglich
der arabischen Welt als kulturell gegeben (Islamfaschismus).
Eine Betrachtungsweise, die allein "gute" Israelis und per definitionem
antisemitische AraberInnen schafft ist jedoch letztlich nicht nur auf dem antirassistischen
Auge blind geworden, sondern hat auch hinsichtlich emanzipatorischer Konfliktlösungsperspektiven
den Durchblick verloren. Gerade weil wir die Existenz Israels unter den gegebenen
Bedingungen für unabdingbar halten und uns aus herrschaftskritischer Perspektive
simplen Gut-Böse-Schemata verweigern, geht es uns darum, in Israel und
Palästina nach den auf beiden Seiten marginalisierten emanzipatorischen
Kräften Ausschau zu halten: Ihnen muss unsere Solidarität gelten und
nicht der israelischen Rechten oder dem palästinensischen Befreiungskampf
in seiner jetzigen Form. Die von antideutscher Seite in Anspruch genommene Solidarität
mit Israel ist letztlich nicht mehr als die Solidarität mit der israelischen
Rechten.
Dass es bei den Antideutschen gänzlich an einer Analyse fehlt, die Herrschaftsverhältnisse
in ihrer unterschiedlichen Ausprägung in den Blick nimmt und langfristig
den Abbau von Hierarchien und Unterdrückung anstrebt, zeigt sich zudem
in der Befürwortung des Irakkrieges. Durch den analytischen schwarz-weiß-Filter
der Antideutschen erscheint die Invasion im Irak als gerechter Befreiungskrieg,
zu dessen Legitimation immer wieder der historische Analogieschluss zum deutschen
Faschismus herangezogen wird. Und erst durch diese Analogiebildung - die auch
so manchem deutschen Politiker wohlbekannt ist - wird das antideutsche Weltbild
so richtig rund.
Nun teilen wir zwar die Kritik an jedweder Form von Antisemitismus und deutschem
Nationalismus. Wie bereits erwähnt, kritisieren auch wir jenen Anti-Amerikanismus,
der die Interessen sowie die Kriegsaktivitäten Deutschlands ausblendet
und die Bundesregierung als Speerspitze der neuen Friedensbewegung gegen das
"böse" Amerika sieht. Die US-Flagge als Demo-Devotionalie liegt
uns aber dennoch weiterhin ziemlich fern. Stattdessen muss es darum gehen, Herrschaft
als komplexe Gesamtheit gesellschaftlicher Verhältnisse zu verstehen, die
sich nicht aus der Perspektive einer verkürzten schwarz-weiß-Dichotomie
verstehen lassen. Denn ein solcher Versuch liegt in seiner Argumentationsweise
bedenklich nahe an dem, was er eigentlich zu kritisieren vorgibt.
Schöner Leben Göttingen