Flugblatt
zur Kinder-Frage
(Gedruckt auf A3 mit gegeneinander auf dem Kopf stehenden 2 x 2 Seiten A4. Der
Flugblatttext hat zwei gleichrangige Anfänge/Enden.)
Zu diesem Flugblatt
Kinder zu bekommen oder nicht, gilt als rein private Entscheidung. Tatsächlich
spielen aber oft viele Gründe und eine Reihe von Rahmenbedingungen bei
der Entscheidungsfindung eine Rolle. Vieles davon ergibt sich aus den Erwartungen
anderer an die Eltern bzw. der Eltern an ihre noch nicht geborenen Kinder. Aber
auch der Staat redet mit und gestaltet die Rahmenbedingungen für Kinder
und Eltern. Mit verschiedenen Maßnahmen z.B. zur finanziellen Förderung
oder Kinderbetreuung will er die Entscheidungen beeinflussen. Eigene Vorstellungen
von einem guten Leben spielen bei der Entscheidung für oder gegen Kinder
natürlich auch eine Rolle. Individuelle Lebensziele und ihre Verwirklichung
sind aber ebenfalls zu einem großen Teil abhängig vom gesellschaftlichen
Drumherum. Kurz: An der Kinder-Frage zeigt sich, wie die vermeintliche Privatsphäre
stets auch von politischen Einflüssen bestimmt ist und wie auch die scheinbar
intimste Entscheidung in gesellschaftliche Strukturen und Herrschaftsverhältnisse
eingebettet ist. Wir möchten zur Reflexion über die Kinder-Frage einladen.
Vielleicht ergeben sich auch weitere Fragen und konkrete Perspektiven –
auf dem Weg zu einem selbstbestimmten und schöneren Leben für Alle.
Veranstaltungen zum Thema
14.02.08, 20h, Apex: Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine? Bevölkerungs-
und Familienpolitik zwischen Auslese und Ausschluss. Referentin: Dr. Susanne
Schultz.
06.04.08, 15h, JuzI-Café: Elternsprechtag im JuzI. Eltern-sein in der
linken Szene - Erzählcafé mit Diskussion.
Mein Beruf lässt sich mit einem Kind nicht vereinbaren.
Bei starkem Engagement im Job wäre das Kind nicht betreut. Würde der
Job unter der Kinderbetreuung leiden, wäre zu wenig Geld da – ein
Dilemma. Das hat auch der Staat erkannt und die Parteien überschlagen sich
mit Vorschlägen, wie Nation und Wirtschaft durch mehr Kinder gebildeter,
gut verdienender, deutscher Eltern gerettet werden könnten. Dass dabei
in nationalistischer und reaktionärer Weise regelmäßig die Kinder
von MigrantInnen und ärmeren Menschen abgewertet werden, fällt oft
gar nicht auf im Taumel um die demographischen Prognosen. Auch sonst sind die
Ergebnisse der Politik katastrophal: Frauen verdienen 20% weniger als Männer
in gleichen Positionen und müssen eher prekäre Jobs mit kinderunfreundlichen
Arbeitszeiten annehmen.Spätestens ab dem zweiten Kind werden sie meist
zu Hausfrauen, z.B. weil Väter sich nicht zuständig fühlen. So
sind die politischen Zustände. Letztlich wird am patriarchalen Familienernährer-Modell
festgehalten. Bei entsprechendem Willen könnte es für viele deutlich
mehr Möglichkeiten geben – auch eine bessere Vereinbarkeit von Kind
und Beruf. Wenn es gelänge, den Zwang zu Erwerbsarbeit und Profitmaximierung
zu überwinden, gäbe es mehr freie Zeit zum Leben – Kinderbetreuung
und andere Tätigkeiten würden sich leichter vereinbaren lassen. Und
wenn die gesellschaftliche Vormachtstellung der Männer auf allen Ebenen
abgewickelt würde, hätten Frauen überhaupt erst einmal faire
Verhandlungsgrundlagen – egal was ihnen Männer „zugestehen“.
Auf dem Weg dahin gilt aber schon mal: Männer, die sich ohne Beruf nicht
vollwertig fühlen, sind uncool. Frauen, die es sich möglich machen,
ihren Vorlieben nachzugehen, sind cool. Menschen, die die Lüge von der
nicht ersetzbaren Mutterliebe verbreiten, sind gefährlich. Leute, die sich
an nachbarschaftlich-freundschaftlicher Kinderbetreuung beteiligen, sind gern
gesehen.
Ich habe noch nicht den/die richtigen PartnerIn.
Viele Menschen mit dem Wunsch, ein Kind zu bekommen, geben an, noch
nicht die richtige Partnerin oder den richtigen Partner gefunden zu haben. PartnerIn
für was? Für die Zeugung, die Kinderbetreuung, für Abenteuerurlaube,
eine großzügige Hinterbliebenenrente oder anregenden Klönschnack?
Viele suchen nach einer lebenslangen romantischen Zweierbeziehung. Das Hetero-Kleinfamilien-Modell
ist trotz Scheidungsraten von über 50% heute noch gängig, dominiert
Fernsehserien und die Reden von Moralwächtern. Andere haben dieses vermeintliche
Ideal als Trugbild entlarvt und Alternativen dazu sind längst massenhaft
Realität. Klar, Kinder wollen irgendwann wissen, wer ihre leiblichen Eltern
sind. Das sollen sie auch erfahren. Kinder wollen aber vor allem geklärte,
zugewandte Beziehungen und nicht Spielball in Auseinandersetzungen zwischen
Erwachsenen sein. Die klassische Familie bietet dafür keine Garantie. Sie
kann ebenso wie andere Erziehungsgemeinschaften Hort von Liebe und Stabilität
oder von überkommenen Rollenbildern, Vernachlässigung und Gewalt sein.
Deswegen kann der „beste Freund“, die „beste Freundin“,
die Patchwork-Familie oder gar die „Hausgemeinschaft“ genauso gut
die Idealbesetzung sein, um gemeinsam ein Kind zu bekommen oder groß zu
ziehen, wie der/die „eine richtige“ PartnerIn.
Es gibt auf der Welt ohnehin schon zu viele Menschen.
Jedes weitere Kind ist ein direkter Beitrag, die Erde durch „Überbevölkerung“
ökologisch hinzurichten und die Armut zu vergrößern –
das muss doch nicht sein. Richtig, das muss nicht sein. Denn anders als es die
PredigerInnen der so genannten „Überbevölkerung“ unterstellen,
sind die Menschen keine Biomasse, sondern Individuen, die ihre gesellschaftliche
Organisation selbst bestimmen können. Ihre globalen Probleme sind deshalb
auch keine naturgesetzlichen Gegebenheiten, sondern abhängig von der Art
und Weise, wie die Menschen miteinander leben. Auch wenn tausend Mal das Gegenteil
beschworen wird, es bleibt dabei: Die Menschheit ist technisch in der Lage,
soviel zu produzieren und es so zu verteilen, dass es keinen Hunger und keine
Armut geben muss. Auch das Know-How für eine ökologisch verträgliche
Lebensweise ist längst vorhanden. Im Interesse der Lebenden und der zukünftigen
Kinder muss also dringend geklärt werden, was wir ändern müssen.
Durch Verzicht auf eigene Kinder gelingt weder die globale Verteilung der Ressourcen,
noch wird ihre Verschwendung verringert.
Ein Kind passt nicht zu mir.
Sich verantwortlich um ein Kind zu kümmern, verändert das
Leben – z.B. weil das LangschläferInnendasein ein Ende hat, mensch
nicht spontan mal weg kann oder weil ein Kinderwagen beim amourösen Anbändeln
ein Klotz am Bein sein kann. Wäre mit dem Lebensstil „ungebunden,
flexibel, Party, Spontansex“ also Schluss? In gewisser Weise schon. Kinder
bringen viel Bewegung in eigene Hoffnungen, Ängste, Zeithaushalte, Möglichkeiten
etc. Aber vielleicht ist auch die Vorstellung von „un-gebunden gleich
frei“ falsch. Die meisten Möglichkeiten finden wir doch gerade in
sozialen Bindungen. Und Umzug, Krankheit, neue FreundInnen oder ein anderer
Job nötigen zur Weiterentwicklung. Auch wenn es um die Sorge geht, mit
einem Kind käme die Anpassung an eine bürgerliche Normal-Existenz,
kann festgehalten werden: Zunächst einmal richten sich alle irgendwie ein,
ständig. Kinder befördern dies nicht automatisch – gerade sie
können gut sein im Hinterfragen von Normalität. Und mal ehrlich, was
passt schon wirklich zu einer/einem? Die eigene Kleidung, Vorlieben, Lebensziele
etc. sind nicht unerheblich durch Werbung, das Lebensumfeld und die Anforderungen
von außen bestimmt. Bei genauer Betrachtung finden Veränderungen
des eigenen Lebensstils also recht häufig statt, meist nur unhinterfragt.
Warum sollte es dann nicht möglich sein, in die Offensive zu gehen und
beim Zusammenbasteln der eigenen Identität kreativ über sich hinaus
zu wachsen? Das kann gemeinsam mit FreundInnen Spaß machen – und
auch mit Kindern.
Ich habe kein Geld und keine Berufsperspektiven – ich könnte
einem Kind nichts bieten.
Es ist nicht zu leugnen, dass die pure Existenzsicherung für immer
mehr Eltern zunehmend schwierig wird, angesichts Hartz IV und Co. Jedes fünfte
Kind in Deutschland wächst in Armut auf, womit häufig ein weitgehender
gesellschaftlicher Ausschluss verbunden ist. Wenn der Staat Interesse hätte,
hier Abhilfe zu schaffen, könnte er dies tun. Der freie Zugang zu Bildung,
Schulmaterialien und Freizeitangeboten ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit.
Auch könnte es ohne weiteres ein bedingungsloses Grundeinkommen für
alle geben, das die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht.
Dies und alles weitere muss aber erkämpft werden. Derweil lohnt sich sicherlich
die Suche nach Nischen, wie trotz der großen Bedeutung von Geld und Waren
im Kapitalismus ein befriedigendes Leben geführt werden kann. Immer mehr
Menschen schließen sich in Gemeinschaften zusammen, in denen Geld und
Tausch keine Rolle mehr spielen. Wer sich informiert (Aushänge, Angebote
von Vereinen, Tipps usw.) und kreativ wird, findet sicherlich schon heute Einiges,
was Kinder toll und spannend finden und nichts kostet. Gemeinsame Ausflüge
machen, draußen mit anderen Unsinn veranstalten u.v.a. macht ohnehin oft
mehr Spaß, als ständig Förderangebote und Hightech-Freizeit
konsumieren zu müssen. Vielleicht können Kinder dabei auch viel besser
ihre eigenen Bedürfnisse kennen lernen und selbstbestimmter loslegen als
in einem Eurythmie-für-Kinder-Kurs. Auch wenn in der Bildungsdebatte ein
anderer Eindruck vermittelt wird: Kinder sind nicht die Lebensprojekte der Eltern,
sie haben zum Glück eigene Interessen und brauchen dafür Freiräume.
Diese Räume gilt es gemeinsam zu schaffen.
Diese schreckliche Welt will ich keinem Kind zumuten.
Umweltkatastrophen, Gewalt, Armut, Leistungsdruck, Krankheiten…
Nicht nur in Slums oder Kriegsgebieten leben Kinder in schwer belastenden Verhältnissen.
Auch das Klima für ein Leben in der Mittelschicht reicher Länder scheint
immer rauer und konkurrenter zu werden. Doch langsam. Was genau aus Sicht eines
Kindes Lebensqualität ausmacht, lässt sich kaum abschätzen. Sicher
ist nur, dass zugewandte, verlässliche Bezugspersonen und ein Umfeld, in
dem das Kind einen geschützten Raum zur Entfaltung hat, ein wichtiges Fundament
sind. Im Laufe seines Lebens wird ein Kind mit Zumutungen, Schicksalen und Ängsten
konfrontiert – genau wie mit Momenten von Zufriedenheit, Glück und
Hoffnung. So ergeht es aber allen Menschen in allen Altersstufen. Der Blick
auf die Kinder sollte nicht von der eigentlichen Feststellung ablenken: Die
Welt, wie wir sie uns tagtäglich schaffen, ist in mancherlei Hinsicht schrecklich
und unzumutbar. Dies kann beklagt oder Schritt für Schritt geändert
werden. Wer weiß, wie dann die Welt in 20 Jahren aussieht.
Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.
Bei der schwierigen Suche nach einem günstigen Zeitpunkt für
ein Kind, gehen potentielle Eltern mit größter Sorgfalt vor. Aktuelle
Studien beschreiben, wie verschiedene Kriterien in die Entscheidung einfließen.
Werden widrige Umstände wie Ausbildung, Studium, Einstieg in den Beruf,
Menopause berücksichtigt, bleiben tatsächlich nur wenige Jahre, wo
ein Kind richtig gut in die Lebensplanungen passt. Dumm nur, dass der überall
propagierte Lebensstil (Flexibilität, Leistungsorientierung, Selbstverwirklichung)
zu keinem Zeitpunkt vorsieht, sich verantwortlich und verbindlich um andere
Menschen zu kümmern. Nicht nur in der Kinder-Frage kommt noch hinzu, dass
Menschen durch allseits herrschende Regeln, Vorgaben und Vertretungssysteme
von selbstbestimmtem Handeln entwöhnt werden. Es gilt also ohnehin, sich
Stück um Stück das eigene Leben zurück zu erobern. Ein erster
Schritt dahin könnte sein, jenseits von Idealbiographien wieder selbstbewusster
zu entscheiden, wann gute, richtige Zeitpunkte sind.
Kinder sind anstrengend, laut und machen Dreck.
Kinder fallen in der Regel auf, sie passen sich nur selten optimal
den Erwartungen ihrer erwachsenen Mitmenschen an. Doch wie fast immer bei Auffälligkeiten,
hängen diese von zwei Dingen ab: vom Verhalten und der Bewertung des Verhaltens.
Solange ein Kind nicht übergriffig oder gewalttätig auftritt, lohnt
es sich daher, das Umfeld des Kindes und den eigenen Bewertungsmaßstab
kritisch in den Blick zu nehmen. Denn es ist auch eine Frage der Gewohnheit,
was (un-) angenehm auffällt. In unseren Gegenden wird z.B. erwartet, dass
Menschen ihre Körperbewegungen und ihre Stimme reglementieren. Die ganze
Erziehung (Eltern, Kindergarten, Schule) ist darauf ausgelegt, dass sich die
jungen Menschen in den Griff bekommen. Hinzu kommt, dass in vielen Räumen
des Alltags Kinder erst gar nicht auftauchen, wie z.B. im Büro, bei den
Nachbarn, bei Arbeitstreffen. Ihre Lebhaftigkeit kann hier allein deshalb nicht
zur Gewohnheit werden. An der Gestaltung des Alltags ließe sich also einiges
ändern. Und wenn ein Kind doch als anstrengend erlebt wird? Dann braucht
es vielleicht Zuwendung und Zeit. Menschen, Kinder wie Erwachsene, sind nun
mal in den verschiedensten Lebenslagen auf Hilfe angewiesen. Wichtig wäre
nur, dass die Versorgung betreuungsbedürftiger Kinder nicht immer allein
an den Eltern hängen bleibt, sondern als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden
wird.
Ich will meinen Körper nicht ruinieren.
Verletzungen, gedehnter Geburtskanal, Schwangerschaftsstreifen, breitere
Hüften, hängende Brüste: Alles mögliche Folgen von Schwangerschaft,
Geburt und Stillzeit. Verständlich, dass viele Frauen solche Veränderungen
am eigenen Körper vermeiden möchten. Denn uns wird unablässig
vorgehalten, was wirklich schön sein soll: schlank, straff, makellos. Sich
einem solchen Körper-Ideal zu entziehen ist kaum möglich. Nicht nur,
weil in den Medien durchgängig schönheitsideale Körper mit allgemeinem
Lebensglück in Verbindung gebracht werden. Sondern weil Menschen leider
tatsächlich aufgrund ihres Äußeren bewertet, bevorteilt und
diskriminiert werden. Kein Wunder also, dass die Nachfrage nach schönheits-chirurgischem
Styling immer weiter boomt. Doch auf der anderen Seite haben auch immer mehr
Frauen vom Körperkult die Nase gestrichen voll: Sie bekämpfen Werbung
mit abgemagerten Models. Im eigenen Lebensumfeld setzen sie Akzente, indem sie
ihr eigenes Wohlbefinden und Selbstvertrauen möglichst unabhängig
von Äußerlichkeiten leben. Sie schaffen entsprechende Freiräume,
indem sie bewusst Zeit mit Menschen verbringen, denen das Schönheitsideal
selbst nicht so wichtig scheint. Und sie suchen einen gelassenen Umgang damit,
wie sich der eigene Körper im Laufe der Zeit ohnehin verändert. Falls
sich aber dennoch die Körper-Kinder-Frage stellt, gibt es bekanntlich Alternativen:
Adoption, Pflege, Kaiserschnitt, Flaschenkind...
Kinder bringen Freude und Schwung ins Leben.
Was wären die Wochenenden ohne ausgeflippte Unternehmungen, die
Spätnachmittage ohne Quatsch-Toben und phantasievolle Geschichten? Und
was ist mit den vielen unfreiwillig-komischen Begebenheiten, von denen noch
lange erzählt werden kann? Der Kick, den Kinder bringen können, scheint
nicht zu toppen. Doch woran liegt das? Zunächst fällt auf, dass sich
ohnehin nur wenige Eltern trauen, allzu deutlich auch andere Seiten des Kinderhabens
zu zeigen, seien es Stress, Erschöpfung oder Angst. Kinder bedeuten in
der Öffentlichkeit eben meist Familienglück, nicht Familienleid. Erwachsene
weisen zudem selten darauf hin, dass sie quirliges oder tiefes Glück empfinden
– und übrigens keine Kinder haben... Doch was ist mit dieser gewissen
Faszination, die angeblich von Kindern ausgeht? Vielleicht rührt sie von
der Art und Weise, wie Kinder häufig in Beziehungen gehen: neugierig, vertrauensvoll,
zugewandt, unmittelbar. Gerade bei jüngeren Kindern gewinnt mensch oft
den Eindruck, als würde genau das fehlen, was in der Welt der Erwachsenen
der Normalfall ist. Denn dort wimmelt es von Hintergedanken. Beziehungen, die
nicht von taktischem, instrumentellem Vorgehen geprägt wären, sind
kaum vorstellbar. Denn in der vorherrschenden Ideologie wird Konkurrenz als
Erfolgsmodell verkauft. Bedürnisorientiertes, gleichberechtigtes Kooperieren
wird hingegen nur müde belächelt. Durch das kapitalistische Wirtschaftssystem
incl. Schule und Ausbildung wird das Konkurrenzprinzip sogar zur Notwendigkeit.
An diesen widrigen Umständen sollte sich einiges ändern. Um in Beziehungen
unter Erwachsenen dennoch bereits jetzt die Leichtigkeit zu erfahren, die Freude
und Energie gibt, bedarf es u.a. Spontaneität und besonderer Achtsamkeit
füreinander. Und einer Bereitschaft, mit der einen oder anderen Norm der
Erwachsenenwelt zu brechen. Bekanntlich lohnt sich die Mühe und das Experimentieren,
der Kick ist garantiert.
Auch wir müssen Kinder bekommen, nicht nur die Anderen.
Hoppla, wer ist denn „wir“? Sind damit die „Deutschen“
gemeint, das „Bildungsbürgertum“ oder die „politische
Bewegung“? Und die Kinder sollen für die „richtigen Verhältnisse“
sorgen? Vielleicht sogar erfolgreicher als eineR selbst? Auf diese Weise müssten
die Kinder für die Ziele ihrer Eltern herhalten, wie offen oder verdeckt
sie auch an sie herangetragen werden. Die armen Kinder. Sie wären direktes
Produkt elitärer oder gar rassistischer Ideologien. Eigene Kinder sollen
die Rente sichern oder das „Aussterben der Deutschen“ verhindern
– dabei gibt es doch nichts außer dem gleichen Pass, was „die
Deutschen“ als Gemeinschaft auszeichnen würde. Es ist absurd, dass
MigrantInnen, darunter auch viele Kinder, die hier leben wollen, an der Grenze
abgewiesen werden. Ganz zu schweigen von denjenigen Kindern, die weltweit dem
Kapitalismus zum Opfer fallen. 26000 sterben täglich, weil nicht einmal
ihre Minimal-Versorgung gewährleistet wird. Vielleicht sollen eigene Kinder
aber auch den Wirtschaftsstandort Deutschland sichern helfen – dabei sorgt
das Bildungssystem im gleichen Atemzug dafür, dass z.B. Kinder aus sozial
schwachen Verhältnissen benachteiligt werden. Schräg. Oder eigene
Kinder werden erzogen und eingesetzt, um als „gute Menschen“ das
Projekt der Eltern voranzutreiben – unabhängig vom Potential der
Kinder und ihren vielfältigen Interessen. Zurichtung führt nicht nur
bei Kindern zu seelischer Verletzung. Nein, „wir“ müssen keine
Kinder bekommen.
Ein Kind gibt dem Leben einen Sinn.
Stimmt, Kinder können Sinn stiften. Ein kleines Kind fordert Aufmerksamkeit,
will versorgt und gepflegt werden. Und wenn erst einmal Kindergarten und Schule
beginnen, dann brauchen Kinder Hilfe beim Lernen, Begleitung zum Sportverein,
tolle Geburtstagspartys... Wenn Eltern – meist ja Mütter –
abends ins Bett fallen, dann haben sie wirklich etwas geschafft. Aber wenn ein
Kind noch gar nicht gezeugt ist und erst überlegt wird, ob denn eins kommen
soll? Dann könnte die heikle Frage gestellt werden, woran es liegt, dass
das eigene Leben zur Zeit offenbar wenig Sinn gibt. Dies ist nur scheinbar eine
sehr persönliche Frage, denn mögliche Antworten sind draußen
in der Welt begründet. Zum Beispiel ist das gesamte Erwerbsleben so organisiert,
dass Menschen vor allem Dinge tun, um an Geld zu kommen. Das ist wenig erfüllend.
Oder die Tage werden mit Hausarbeit verbracht, da der „Ernährer“
der Familie dazu keine Zeit hat. Auch wenig erfüllend. Oder Freizeit kann
nur noch als Expressentspannung stattfinden, um wieder Kräfte zu tanken
usw. Große Teile unseres Lebens sind mit Tätigkeiten gefüllt,
die sich irgendwie notwendig ergeben haben – die Ziele wurden nicht selbst
entwickelt und festgelegt. Klar, dass unter solchen Umständen dem Leben
die Sinnhaftigkeit abhanden kommen kann. Aber deshalb muss mensch nicht eigene
Kinder zeugen. Menschen, die sich über Begegnung und Unterstützung
freuen gibt es zahlreich – auch Kinder, die noch besser polnisch oder
deutsch lernen wollen, die in einen Verein begleitet werden wollen, Kinder die
einer/einem was zeigen wollen, Kinder die sich über Geschichten freuen...
Ebenso gibt es Sinn-volle Projekte, die vorangetrieben werden wollen. In jedem
Fall wäre es schön, wenn das Ausmaß an Sinn-armen Tätigkeiten
und Zeitvertreib zurückgedrängt werden könnte. Vielleicht wäre
das ja schon so ein Projekt...
Ich möchte geliebt werden.
Das können Kinder oft wirklich gut: Sie vermitteln das Gefühl,
(fast) bedingungslos geliebt zu werden. Das ist nicht zu vergleichen mit Anerkennung
am Arbeitsplatz oder für Hausarbeit. Selbst in Freundschaften gibt es selten
dieses Gefühl, bedingungslos gemocht zu werden. Ziemlich oft müssen
wir im Gegenzug etwas leisten oder zumindest zurückgeben. Nun, sicher wollen
manche, z.B. Arbeitgeber, Ernährer-Ehemänner oder die eigenen Eltern
es genau so. Mensch soll sich krumm machen, immer in der Hoffnung auf ein wenig
Anerkennung und Zuneigung. Aber für ein Kind sollte das Bedürfnis
nach Liebe kein Grund sein. Schon weil es oft auch ganz anders gelaunt, immer
älter und damit auch immer weniger auf die Eltern konzentriert sein wird.
Auch, weil die Gefahr besteht, die Beziehung zu dem Kind in die gleiche Spirale
„Anerkennung gegen Leistung“ zu führen, der eineR selbst gerade
entfliehen wollte. Ein wirklich schwieriges Thema, denn einen sicheren Weg zum
Geliebt-werden gibt es leider auch sonst nicht. Vielleicht erweist sich aber
das Mitmachen z.B. im Verein, der Skatrunde, Politikgruppe oder Bürgerinitiative
in der Nähe bereits als Schritt in die gewünschte Richtung. Fest steht
jedenfalls, dass es überall soziale Beziehungen braucht, in denen Anerkennung
und Zuwendung gegeben wird, ohne etwas dafür leisten zu müssen. Da
sollte doch was zu machen sein.
Ich möchte etwas weitergeben.
Viele Menschen wollen an Nachkommen einiges weitergeben, z.B. materielle
Güter (Sparvermögen, Firma...), die Familiengeschichte (Tradition,
Stammbaum...) oder persönliche Eigenschaften. Das eigene Leben soll über
den Tod hinaus Bedeutung haben. Kinder erscheinen da auf den ersten Blick als
gute Lösung. Sie könnten das Haus erben, das Fotoalbum fortführen
und vielleicht werden sie auch ein bisschen so sein wie eineR selbst. Kinder
können Hoffnungsträger sein und von der eigenen Endlichkeit ablenken.
Aber wenn Erwachsene versuchen, ihren Kindern eine solche Rolle aufzutragen,
entpuppt sich das leider allzu oft als zu schweres Paket. In erster Linie für
die Kinder, die aus- oder zusammenbrechen. Nicht selten, aber auch für
die Eltern, die sich dadurch – völlig unangemessen – verraten
fühlen. Dabei ist die Ausgangslage doch wirklich vielversprechend: Menschen
möchten etwas von sich weitergeben. Weil sie sich aber auf die Anhäufung
von Privateigentum konzentrieren, übersehen sie Alternativen für eine
dauerhafte Absicherung. Es gibt unzählige emanzipatorische Projekte, bei
denen materieller Reichtum gut aufgehoben ist – übrigens auch schon
zu Lebzeiten. Und das, was einer/einem im Leben selbst wichtig ist, wird nicht
über Gene verbreitet, sondern kann durch Taten und Beziehungen weitergegeben
werden. Kinder sind neugierig, vielleicht greifen sie die eine oder andere Idee
auf? Vielleicht sogar die, dass es sich für eine Welt ohne Unterdrückung
und Fremdbestimmung zu streiten lohnt und dass Gemeinschaften ebenso wie Familien
Geborgenheit geben können. Und dass das Leben jetzt stattfindet.
Wir möchten in unserer Beziehung etwas Gemeinsames schaffen.
Die Liebesbeziehung dauert schon eine zeitlang an, alles läuft
wunderbar, fühlt sich innig und vertraut an. Dann taucht die Fragen auf,
wie es noch inniger und verbindlicher werden könnte. Denn soll das schon
alles gewesen sein, nach so kurzer Zeit…? Um in solch einer Situation
noch den Überblick zu behalten, lohnt es sich, einen Blick auf die sogenannte
romantischen Zweierbeziehung (rZb) zu werfen. Sie beschreibt den Rahmen, wie
in unserer Gesellschaft Liebesbeziehungen gelebt werden sollen: verbindlich,
körperlich-zärtlich, exklusiv und am besten heterosexuell. In der
rZb soll unbedingte Erholung vom stressigen Arbeits-Alltag möglich sein,
Sehnsüchte dürfen sich verdichten und Kinder sollen hier entstehen.
In der rZb ist es immer aufregend... Soweit die gesellschaftlichen Vorgaben,
von denen mensch sich bei Bedarf auch lösen kann. Denn eins ist klar, für
so mancheN kann die rZb Stress verursachen und fesseln. Nach innen ist festgelegt,
was in der Beziehung auf jeden Fall stattfinden soll und welches Verhalten gar
nicht vorgesehen ist. Nach außen ist dies ähnlich, die rZb legt für
andere Freundschaften die Grenzen fest, wenn es um Zeit, körperliche Nähe
oder Prioritätensetzungen geht. Wem in einer Beziehung als nächstes
Projekt nur „ein Kind“ einfällt, ist eingeladen, genauer hinzuschauen.
Was könnte unternommen werden, um die Einmaligkeit dieser Freundschaft
zu würdigen? Welche Verbindlichkeiten könnten eingegangen werden,
die aufregende Herausforderungen und Auseinandersetzung mit sich bringen? Und
was könnten eigentlich andere Beziehungen noch alles bieten, was könnte
dort Gemeinsames geschaffen werden?
Dafür ist mein Körper doch da.
Ja, manche Körper sind fruchtbar und können ein Kind austragen.
Das mag aufregend werden – obwohl die Zeit mit richtig kugelrundem Bauch
nur wenige Wochen dauert und auch die Bedeutung der allseits mystifizierten
Geburtssituation für viele Eltern schnell zusammenschrumpft. Trotzdem hat
es etwas von Abenteuer, die Möglichkeiten des eigenen Körpers zu entdecken.
Aber beim Kinderkriegen scheint es sich um etwas Besonderes zu handeln. Frauen
ab einem gewissen Alter werden ziemlich sicher irgendwann angesprochen, ob sie
denn nicht noch ein Kind wollen. Es wird ihnen vorgehalten, ihre Rolle als Frau
nicht anzunehmen. Andere Möglichkeiten, die der Körper und damit das
Leben bietet, werden selten zum Gesprächsthema. Ob denn noch ein Motorrad-Führerschein
gemacht, ein Haus besetzt, die Gesangsstimme geschult, ein hoher Berg bestiegen
oder eine Theorie erdacht wird. Darum geht es selten. Aus ähnlichem Grund
erscheinen kinderlose heterosexuelle Beziehungen häufig nicht „normal“.
Ob er nicht zeugungsfähig ist? Ob die beiden keinen Sex haben? Es kann
richtig Stress und schlechte Laune machen, auf die Fortpflanzungsfähigkeit
reduziert zu werden, obwohl mensch ganz andere Ziele hat und den eigenen Körper
anderweitig nutzt. Wie wäre es stattdessen damit: Die Vielfalt der Möglichkeiten
erkennen und sich gleichzeitig mit dem Umstand anfreunden, dass zu Lebzeiten
leider nicht alle schönen Sachen ausprobiert werden können.
Im Alter will ich nicht allein sein.
Einige schaffen es länger - doch irgendwann lässt sich die
Frage nicht mehr verdrängen: Wie werde ich im Alter leben? Und dann steigen
Bilder auf von glücklichen Großfamilien, wo Oma und Opa im Kreise
ihrer Enkel rauschende Feste feiern, in schwierigen Zeiten (meist von den Frauen)
liebevoll versorgt werden und spätestens nachmittags Leben im Haus ist.
Und dann gibt es Bilder von alten Menschen in Pflegeheimen, die ihre Tage in
schnell zu reinigenden Aufenthaltsräumen mit einem lieben, aber ziemlich
verwirrten Gegenüber verbringen – eintönig, hoffnungslos. Wie
auch immer die eigene Zukunft aussehen mag, gegenwärtig werden alte Menschen
aus dem gesellschaftlichen Leben oft ausgeschlossen und nicht selten offen diskriminiert.
Daran ändert auch das seit einigen Jahren verbreitete Ideal von den Immer-jungen-Alten
nichts. Nun haben schon Eltern das „Problem“, dass sie – selbst
wenn sie es wollten – ihre Kinder nicht darauf abrichten können,
im Alter für sie da zu sein. Erst recht ist es nicht möglich, potentielle
Kindeskinder auf die Bespaßung ihrer Großeltern zu verpflichten.
Wer aber heute schon über ihr/sein Alter nachdenkt und es mit bestimmten
schönen Vorstellungen verbindet, könnte auch heute schon beginnen,
solche Umstände herzustellen. Vielleicht indem Netzwerke geschaffen werden,
in denen auch alte Menschen eingeladen werden, am Leben teilzuhaben und sich
einzubringen – Menschen aus der Nachbarschaft, dem Verein, dem Café-Treff.
Und wer weiß, wie sich Betreuungen oder Freundschaften zu „sozialen“
Kindern entwickeln. Wenn die leiblichen Eltern solche Beziehungen unterstützen,
steigen die Chancen, dass sich vielleicht doch eines Tages jemand erkundigt.
Ich bin gegen Abtreibung.
Irgendwie ist es passiert: schwanger! Ohne eigene Entscheidung ist
die Situation da. Damit hatte zwar niemand gerechnet und die Umstände sind
nicht wirklich gut. Vielleicht sind sie sogar richtig schlecht. Vielleicht war
es auch einfach nie vorgesehen, ein Kind auszutragen. Aber nun ist es halt so,
wird schon werden. Abtreibung? Auf keinen Fall...! Solche schwierigen Entscheidungssituationen
kennt wohl jedeR. Aber, „auf keinen Fall?“ Gerade in heiklen Fragen
liegen prinzipielle Entscheidungen nah, sind aber meist wenig hilfreich. Insbesondere,
wenn noch einmal in Ruhe abgewogen werden kann, wie im Fall einer ungeplanten
oder ungewollten Schwangerschaft. Die Argumente sollten noch einmal geprüft
werden: Frauen erleben einen Schwangerschaftsabbruch nicht zwangsläufig
als traumatisch. Frauen können bei Bedarf kompetente Unterstützung
erhalten, um mit einem solchen Schritt einen guten Umgang zu finden. Niemand,
auch nicht Staat oder Kirche, sollten festlegen dürfen, wie das Leben weiter
zu verlaufen hat. Frauen sind keine Kinder-Austragungs-Objekte! Schwangerschaftsabbruch
ist nicht ohne Grund ein gesellschaftliches Tabu-Thema, hier werden knallhart
Herrschaftsinteressen verfolgt. Daher ist ebenso klar: Frauen sollen selbst
bestimmen können, wie es mit ihrem Leben weitergeht, gerade wenn sie schwanger
sind. Und Aufgabe der Gesellschaft ist, sie auf ihren Wegen bestmöglich
zu unterstützen – in allen Lebenslagen.
Schöner Leben Göttingen
Februar 2008