Beitrag zur Göttinger Gipfelzeitung
Treffen von Regierungs-ChefInnen können von mindestens drei Seiten betrachtet werden. Da ist zunächst die offizielle Seite der Tagesordnungen und Verlautbarungen. In Heiligendamm etwa zu den Themen Weltwirtschaft und Wirtschaftsraum Afrika. Hier wird vor allem viel Papier bedruckt mit Erklärungen von Absichten und gutem Willen. Mindestens ebenso wichtig ist die inoffizielle Seite. Dazu gehören geheime Hinterzimmergeplänkel und atmosphärische Stimmungen zwischen den RegierungsvertreterInnen, in die „Außenstehende“ wie z.B. die BürgerInnen in der Regel nicht eingeweiht werden.
Und schließlich gibt es auch noch die Seite, wo zwar Themen öffentlich
platziert werden, sie aber dennoch zunächst unsichtbar bleiben. Eines dieser
Themen wollen wir hier genauer betrachten: Es geht darum, dass politische StellvertreterInnen
als berechtigte RepräsentantInnen der betroffenen Menschen erscheinen –
mit Hilfe der Medien in Szene gesetzt. Aber, was genau berechtigt diese (Spitzen-)VertreterInnen
eigentlich für andere zu reden, zu entscheiden und zu handeln? Die G8 machen
es uns leicht, bei diesem Punkt überhaupt stutzig zu werden. Denn nirgendwo
sonst findet sich – zumindest auf den ersten Blick – ein derart
krasses Missverhältnis. Acht Menschen verhandeln über das Wohl und
Wehe von Milliarden auf der ganzen Welt und behaupten dabei, sie seien dazu
berechtigt, ja sogar beauftragt. Der G8 ist der Gipfel politischer Repräsentation
und Vertretungsmacht. Dabei ist politische Stellvertretung nicht nur hier, sondern
grundsätzlich mit drei Problemen verbunden: Die Vertretenen können
nicht sicher sein, dass ihre Interessen vertreten werden; Vertretungssysteme
verselbstständigen sich, weil sie eine kleine handelnde Elite und eine
Masse von eher Passiven schaffen; und Vertretungssysteme schaffen ein Verhältnis
von Oben und Unten zwischen den Menschen (siehe unten [Kasten]). So
deutlich wird über politische Stellvertretung in den Medien allerdings
selten gesprochen. Denn dann würde es Stellvertretung nicht mehr lange
geben – niemand möchte sich bevormunden lassen. Wie funktioniert
das also, dass RepräsentantInnen ihre Vorrechte haben und kaum jemand nachfragt
oder widerspricht? Nun, sie können sie mit blanker Gewalt durchsetzen,
d.h. mit Polizei, Gefängnis, Folter. Das wäre jedoch eine recht plumpe
Lösung, das Machtgefälle zwischen RepräsentantInnen und Vertretenen
würde schnell augenfällig. In sogenannten demokratischen Systemen
hingegen bekommen die politischen StellvertreterInnen ihre Rechte ohne allzu
offene Gewalt, in der Regel durch Wahlen. Wahlen sind eine ausgereiftere Methode,
sie erzeugen den Eindruck, die Vertretenen hätten ihre RepräsentantInnen
direkt und freiwillig autorisiert, über sie und ihre Lebensumstände
zu entscheiden. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das aber als Mogelpackung.
Wahlen berechtigen zu nichts
Zunächst einmal kann man bei Wahlen ja gar nicht entscheiden,
ob man überhaupt vertreten werden will. Die grundlegende Frage wird also
gar nicht gestellt. Einmal hineingeboren, ist man Zwangsmitglied einer auf zweifelhaften
Zugehörigkeitskriterien basierenden, meist nationalen Gemeinschaft von
Vertretenen. Auch kann man nicht festlegen, in welchem Lebensbereich man repräsentiert
werden möchte. Weiterhin dürfen noch nicht einmal alle wählen:
Wer zu jung ist oder nicht den richtigen Pass hat, bleibt – obwohl auch
von den Regierungsbeschlüssen betroffen – außen vor. Auch die
Tatsache, dass teilweise nur noch eine Minderheit überhaupt wählt,
ändert nichts daran, dass die Gewählten für alle entscheiden.
Zudem kann ich nur RepräsentantInnen wählen, aber nicht für eine
bestimmte politische Entscheidung stimmen. Bei Wahlen darf ich meine Stimme
für ein von Werbeagenturen blankpoliertes Angebot abgeben. Die entscheidenden
politischen Beschlüsse fallen allerdings danach. Was an ihnen problematisch
sein könnte, wird vor der Wahl tunlichst verschwiegen. So wurden zum Beispiel
der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen Jugoslawien, das größte
Sozialabbauprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik (Hartz I bis IV) oder
die Verschiebung des Renteneintrittsalters auf das 67. Lebensjahr vor den entsprechenden
Wahlen 1998, 2002 und 2005 nicht diskutiert – geschweige denn zur Abstimmung
gestellt. Zuletzt bleibt noch anzuführen – und das ist für einen
G8- Gipfel besonders relevant – dass die gewählten RepräsentantInnen
auch für jene Menschen Beschlüsse fällen, mit denen sie wirklich
überhaupt nichts mehr zu tun haben. Denn wen sollten die G8-Regierungschefs
vor Ort gefragt haben, bevor sie beschließen, etwa eine Währung in
Afrika zu (de-)stabilisieren, Wirtschaftswege im Nahen Osten mit kriegerischen
Mitteln freizuhalten oder bestimmten Landesbevölkerungen durch bessere
bzw. schlechtere Handelsbedingungen zu helfen bzw. sie Hunger und Elend zu überlassen.
Das politische Handeln von RepräsentantInnen lässt sich durch Wahlen
also nicht legitimieren – nicht innerhalb nationaler Grenzen und schon
gar nicht für die ganze Welt.
Von der Weltbühne vor die eigene Haustür
In Heiligendamm wird politische Stellvertretung in großem Stil
inszeniert, doch die G8 sind nur der Gipfel des Eisbergs. Die grundsätzlichen
Probleme von Repräsentation ergeben sich überall, wo Stellvertretungssysteme
vorhanden sind. Oberbürgermeister Meyer, in der Stichwahl gerade mal von
19.247 der rund 130.000 GöttingerInnen gewählt, vertritt die ganze
Stadt und entscheidet für alle. Jeder Vereinsvorsitzende, jede Firmenchefin,
jeder Delegierte, jede Parteifunktionärin spricht für viele bzw. alle
und kann sich doch nur in den wenigsten Fällen darauf berufen, von allen
das Einverständnis zu haben bzw. überhaupt alle gefragt zu haben.
Beim diesjährigen Neujahrsempfang der Stadt haben wir eine entsprechende
kleine Umfrage gemacht. Nicht selten gaben Göttinger RepräsentantInnen
auf Nachfragen zu, nicht so genau zu wissen, was die von ihnen Vertretenen wollen.
Viele BürgerInnen wussten umgekehrt nicht, von wem sie in welchen Bereichen
repräsentiert werden. Offenbar hat man sich daran gewöhnt, dass man
für andere spricht bzw. andere für einen sprechen. Gemeckert wird
höchstens noch über die RepräsentantInnen und ihre Entscheidungen.
Aber das trifft nicht den Punkt. Denn das Problem liegt nicht bei der Unzulänglichkeit
der RepräsentantInnen, sondern am Vertretungssystem selbst.
Und wenn ich einfach selbst...
Fertige Rezepte für Alternativen kann es nicht geben, da sinnvolle
Vereinbarungen immer davon abhängen, wer was mit wem erreichen möchte.
Einige Leitlinien liegen nach dem bisher Gesagten dennoch auf der Hand. So sollte
grundsätzlich angestrebt werden, dass die konkret Betroffenen auch direkt
miteinander verhandeln und die Anliegen aller Beteiligten berücksichtigt
werden. Dabei ist es wichtig, dass alle auf Augenhöhe miteinander reden
können, niemand also aufgrund eines Machtvorteils mehr durchsetzen kann
als andere. Das klingt zunächst zwar sehr leicht, erweist sich meist aber
als echte Herausforderung für die Beteiligten. Und wenn doch einmal auf
VertreterInnen nicht verzichtet werden soll, müssten diese jederzeit und
unkompliziert ausgetauscht werden (können). Schließlich kann bei
Streitigkeiten überlegt werden, ob es überhaupt nötig ist, sich
auf eine gemeinsame Lösung zu einigen. Bei genauem Hinsehen können
nämlich oftmals mehrere Ideen nebeneinander verwirklicht werden. Weitere
Tipps gibt es z.B. im HierarchNie-Reader unter http://www.projektwerkstatt.de/hoppetosse/
hierarchNIE/reader.html.
Ziel ist es in jedem Fall, die Entscheidungshoheit bei denen zu belassen, die
diese Entscheidungen auch ausbaden müssen. Denn es gehört zum Mensch-Sein
dazu, dass man für sich entscheidet und nicht andere für eineN. Dies
gilt nicht nur bei Pommes oder Pizza, sondern auch und gerade bei den ganz wichtigen,
schwierigen Fragen. Am und beim G8-Gipfel werden die genannten drei Probleme
der Vertretungssysteme sicherlich besonders deutlich. Möglichkeiten, die
scheinbar selbstverständlichen Vertretungssysteme in Frage zu stellen und
Alternativen dazu auszuprobieren, gibt es jedoch nicht nur im Juni 2007 in Heiligendamm,
sondern letztlich überall – auch in Göttingen.
[Kasten]
Drei grundsätzliche Probleme
Mit politischer Stellvertretung sind immer drei Probleme verknüpft, die
unterschiedlich scharf zu Tage treten können. Das erste Problem ist, dass
die StellvertreterInnen die Anliegen und Wünsche der Menschen, die sie
vertreten, nie so gut kennen können wie diese selbst. Es ist daher kaum
verwunderlich, dass die VertreterInnen wissentlich oder unbewusst eher ihre
eigenen Interessen verfolgen als die der Vertretenen.
Das zweite Problem taucht besonders dann auf, wenn eine Vertretung längerfristig
besteht. Vertretungssysteme neigen nämlich dazu, sich zu verselbstständigen
und irgendwann nicht mehr hinterfragt zu werden. Mit der Zeit kennen die VertreterInnen
die Belange der Vertretenen immer weniger. Dadurch treffen sie im wachsenden
Maße auf Desinteresse und Selbstentmündigung bei den Vertretenen.
Denn für die liegt es nahe, sich um die Verwirklichung der eigenen Interessen
nicht mehr selbst zu bemühen, wenn es doch StellvertreterInnen gibt, die
die entscheidenden Positionen bereits besetzen und die behaupten, zum Wohle
aller zu handeln. Die RepräsentantInnen nehmen alles in die Hand, weil
die Basis häufig passiv bleibt. Die Vertretenen bleiben passiv, weil die
RepräsentantInnen alles in der Hand haben.
Das dritte Problem ist das sich einstellende Oben und Unten. Denn VertreterInnen
haben höhere, d.h. mit mehr Rechten und Privilegien ausgestattete Positionen
inne, die sie aus Angst vor Statusverlust mit ihrer Macht verteidigen. Die Vertretenen
sind dagegen in einer niedrigeren Position. Wenn sie die Geschäfte der
Mächtigen stören, können sie sich dabei viel Ärger einhandeln.
Diese Hierarchie ist besonders problematisch, weil oft der Anschein entsteht,
Oben und Unten sei eine Frage besonderer fachlicher Kompetenzen. Statt dessen
haben RepräsentantInnen oft einfach nur mehr Möglichkeiten, z.B. Informationen
zu beschaffen oder sich in den Medien darzustellen.
Schöner Leben Göttingen
April 2007