Göttinger Zeitung gegen den IWF/Weltbank-Gipfel
in Prag, S. 3
In Kürze:
Internationaler Währungsfonds und Weltbank
Im Juni 1944 trafen sich 700 Delegierte aus 44 Ländern bei einer Konferenz
der Vereinten Nationen in Bretton Woods / USA, um eine neue internationale Wirtschaftsordnung
für die Nachkriegszeit auszuhandeln und festzuschreiben. Die USA hatten dabei
besonderes Interesse an einem System, welches die finanzielle Stabilität
in der Nachkriegszeit gewährleistet und ihnen u.a. den Zugang zu den Rohstoffen
der Länder des Südens offenlegt.
Um für die Zukunft eine “dynamische Weltwirtschaft” und einen
“freien, ungehinderten Welthandel” sicherstellen zu können, wurden
unterstützend die Finanzinstitutionen Internationaler Währungsfonds
(IWF) und Weltbank gegründet (sog. Schwesterinstitutionen von Bretton Woods).
Der IWF war zunächst zur Lösung kurzfristiger Zahlungsschwierigkeiten
der Mitgliedsländer und zur allgemeinen Stabilisierung der internationalen
Wirtschaftsbeziehungen vor dem Hintergrund fester Wechselkurse vorgesehen, die
Weltbank wurde mit der Überwindung längerfristiger Strukturprobleme
für eine ungehinderte kapitalistische Entwicklung beauftragt. Seit Anfang
der 80er Jahre überlappen sich allerdings die Aufgabenbereiche und auch das
strategische Vorgehen von IWF und Weltbank zunehmend, da der IWF auf Grund schlechter
Erfahrungen seine finanziellen Sanierungsprogramme eher ebenfalls langfristig
ausrichtet, während die Weltbank (in Koordination mit dem IWF) nun auch mit
Strukturanpassungsprogrammen arbeitet.
Oberstes Entscheidungsorgan von IWF und Weltbank ist formal-juristisch jeweils
ein Gouverneursrat, der sich aus VertreterInnen der Mitgliedsländer paritätisch
zusammensetzt. Tatsächlich werden aber fast alle Entscheidungen an ein Exekutivdirektorium
übertragen, welches zwar ebenfalls Mehrheitsentscheidungen fällt, dessen
Zusammensetzung sich aber an der Höhe der Kapitalanteile orientiert, die
ein Mitgliedsland für die Finanzpolitik der jeweiligen Institution aufbringt.
Auf diese Weise kontrollieren die zehn reichsten Industrieländer faktisch
die Politik der Weltbank und damit die bedeutendste multilaterale Kreditquelle,
während die Länder Afrikas gerade einmal einen Stimmenanteil von ca.
4% halten. Präsident der Weltbank war bisher immer ein US-Amerikaner, während
der Chefsessel des IWF immer von einem Europäer besetzt wurde.
Neben dieser eher beschreibenden Perspektive auf die Entstehung und die Organisationsstruktur
von IWF und Weltbank ist es für eine umfassende Analyse der Ziele und Zwecke
dieser Institutionen darüber hinaus notwendig, ihre Funktionen in der kapitalistischen
Wirtschaftsordnung zu bestimmen: Um eine ungehinderte Kapitalakkumulation auch
ohne den direkten Einsatz von Gewalt zu gewährleisten, werden nämlich
Bedingungen und Institutionen geschaffen, die den Menschen eine „freiwillige“
Teilnahme an diesem Prozeß zwingend nahelegen. Welche Rolle vor diesem Hintergrund
dem IWF und der Weltbank zukommt, muß an anderer Stelle näher bestimmt
werden. Hier sei nur kurz auf einen Aspekt verwiesen: Bis heute werden fast alle
Einzelentscheidungen bei IWF und Weltbank einstimmig getroffen, d.h. die DirektorInnen
der betroffenen Länder des Südens stimmen offiziell „freiwillig“
den von ihnen „selbständig“ formulierten Strukturanpassungen
in ihren Ländern zu.
