Beiträge zur Überwindung von Herrschaftsverhältnissen Nr. 2, S. 1 + 2
Als die Jahrestagung von IWF und Weltbank am 27. September einen Tag früher als geplant beendet wurde, behauptete Weltbankpräsident James Wolfensohn, daß bereits alles Wesentliche besprochen und die Tagungsordnung ordentlich abgearbeitet worden sei. Der Konferenzvorsitzende Trevor Manuel ergänzte, daß jedes der 182 Mitglieder in den letzten Tagen wirklich ausreichend zu Wort gekommen wäre, wenn es das gewünscht habe.
Haben also die Delegierten diesmal besonders konzentriert und effektiv gearbeitet?
Oder wurde von dem ursprünglichen, umfangreichen Vorhaben, in Prag die
Reformierung der Organisationen von IWF und Weltbank vorzunehmen, abgewichen?
Vielleicht ohnt sich ein Blick auf die tatsächlich verhandelten Inhalte
und vorgenommenen Beschlüsse.
Vor dem eigentlichen Beginn der Jahrestagung gab es zunächst ein Treffen
der G7, d.h. ein Treffen der VertreterInnen der sieben wichtigsten Industrienationen.
Solche vorgelagerten Treffen sind nichts ungewöhnliches, werden doch auf
ihnen Absprachen getroffen, was IWF und Weltbank später entscheiden sollen.
Dieses Vorgehen ist möglich, darüber sich die Stimmanteile, die ein
Mitgliedsland in IWF oder Weltbank hält, im Wesentlichen an der Höhe
der Kapitalanteile messen, die es für die Finanzpolitik der jeweiligen
Institutionen aufbringt. Kurz: G7 zahlt am meisten und hat daher von vornherein
alles zu melden.
Als der deutsche Finanzminister Hans Eichel am Ende dieses G7-Treffens die
verhandelten Ergebnisse vortrug, stand an erster Stelle das Thema Erdöl
und an zweiter die Stabilität des Euro die Reformierung des Währungsfonds
fand unter ferner liefen Erwähnung. Insider vermuten, daß die geplanten
Reformen überhaupt nicht angesprochen wurden, da die diesbezüglich
von den PolitikerInnen in Schriftform vorgebrachten Vorschläge offenbar
sehr vage und unverbindlich gehalten waren. Handfest war dagegen der Beschluss,
einen Brief an die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec)
zu schreiben, in dem die Regierungen an ihre spezielle Verantwortung
erinnert werden sollten. Ganz konkret wurde an die Opec-Länder appelliert,
die Erdölpreise zu senken. Schließlich müßten sie ja auch
ein Interesse daran haben, daß die gute Lage der Weltkonjunktur
erhalten bleibt.
Wurden die Armen und ihre Nöte also gar nicht bedacht? Doch, denn der
G7-Club verlieh mehrfach seiner Besorgnis Ausdruck, daß die gestiegenen
Erdölnotierungen sicherlich auch für die Entwicklungsländer eine
zusätzliche Belastung bedeuten können. Während das Kundtun dieser
Besorgnis auf breite Zustimmung unter Mitgliedern der G7 fiel, mußte Eichel
verkünden, daß in einem anderen Punkt keine Einigkeit erreicht wurde:
Die G7 werden hochverschuldeten armen Staaten weder direkt deren Schuldendienste
erlassen, noch werden sie ihnen den Zugang zum Erlass ihrer Schulden über
die HIPC-Initiative (highly indepted poor countries) erleichtern.
Reform von IWF und Weltbank?
Und was wurde nun aus der geplanten Reformierung von IWF und Weltbank? Zunächst
einmal mußte IWF-Chef Köhler auf seiner letzten Reise in die sogenannten
Entwicklungs- und Schwellenländer feststellen, daß der IWF in
weiten Teilen der Welt ein miserables Image hat. Scheinbar hat Köhler
die Meinungen der dortigen Regierungen zum Thema IWF-Veränderungen zum
ersten Mal wahrgenommen. Kein Wunder, denn ein einzelner afrikanischer Exekutivdirektor,
der mit seiner Stimme 24 afrikanische Länder vertritt, wird im Währungsfonds
sonst leichter mal überhört.
Trotz aller Kritik an IWF und Weltbank sind Köhler und Wolfensohn allerdings
nach wie vor überzeugt, daß sie beide an der Spitze von Organisationen
stehen, die nur darum bemüht sind, die Dinge besser zu machen.
Ähnlich wurde ihnen vermutlich auch von Seiten der Gewerkschaften und NGO
(non governmental organisations) geschmeichelt, denn der gegenseitige, partnerschaftliche
Austausch am Rande der Tagung wurde von Weltbank-Chef Wolfensohn als sehr positiv
bewertet. Um der Rede vom Bessermachen auch wirkliche Taten folgen
zu lassen, richtete Köhler dann als zentrales Ergebnis der Jahrestagung
in Prag einen Appell an die Industrienationen, ihre Märkte weiter zu öffnen,
die finanziellen Hilfen für die Entwicklungsländer zu erhöhen
und Subventionen in den eigenen Ländern zu streichen. Beispielhaft für
das Ausmaß der während der Tagung geleisteten Arbeit stellte Köhler
dann auch gleich ein schlüssiges Konzept vor, wie er die Industrienationen
in Zukunft dazu bewegen kann, die geforderten Maßnahmen auch durchzuführen:
Das öffentliche Bewußtsein über die gegenseitigen Beziehungen
zwischen der armen und der reichen Welt müsse gefördert werden. Was
zunächst lediglich wie ein Habt Euch alle lieb! klang, entpuppte
sich bei der nachgeschobenen Konkretisierung dann allerdings als vorsätzliche
Drohung für die reiche Welt: Köhler stellte fest, daß Armut
nicht länger ignoriert werden kann, wenn wir den Wohlstand in den reichen
Ländern erhalten wollen.
So viel zu den offiziell verhandelten Inhalten und Ergebnissen rund um die IWF- und Weltbank-Tagung in Prag. Unterm Strich zielt die Politik der dominierenden G7-Staaten also darauf ab, mit möglichst geringem Aufwand den Wohlstand der Metropolen zu retten. Ganz nebenbei kann das dazu führen, daß den Ländern der Peripherie das Wasser nicht mehr bis zum Hals steht, sondern nur noch bis zur Brust. Aber eilig ist damit niemandem. Die Armen können erst mal arm und ohne Stimmrecht bleiben, denn Erdöl und Euro gehen vor.